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Es begann ein böser Leidensweg für uns. Täglich von neuem Schikane, Mißhandlungen, wüste Beschimpfungen. Ich mußte im Steinbruch und beim Straßenbau im Pfaffental" helfen, stellte mich dabei als Intellektueller" nicht gerade geschickt an und fiel oftmals auf. Trotzdem hatte ich immer Glück im Unglück. Ich kam im allgemeinen glimpflich davon. Meine Kameraden hielten mich etwas im Hintergrund, dadurch wurde ich den Schikanen der SA mehr oder weniger entzogen.
Verschiedene Wachleute waren als sadistische Folterknechte bekannt. Sie kamen oft spät nachts betrunken ins Lager, jagten die Häftlinge heraus und mißhandelten sie. Bisweilen trieben sie die Häftlinge, besonders neu hinzukommende, auf den Bodenraum hinauf, wo sie dann wahre Prügelorgien veranstalteten. Ich war einmal bei dem Kommando, das am Morgen nach solchen Ausschreitungen mit Wassereimer und Schrubber den Raum säubern mußte. Wir scheuerten Blut, Zeug- und Hautfetzen von Boden und Wänden.
Der Lagerkommandant Buck, ein körperlicher und moralischer Krüppel, putschte seine Kreaturen zu immer neuen Ausschreitungen gegen die wehrlosen Häftlinge auf. Daß im allgemeinen auf dem Heuberg keine Ermordungen vorkamen wie in Dachau und anderen Lagern, ist wohl nur auf den Umstand zurückzuführen, daß Buck einfach aus Feigheit sich nicht getraute, zum äußersten zu gehen. Er fürchtete wahrscheinlich, er könnte doch einmal dafür zur Rechenschaft gezogen werden. So ist mir nur ein Fall von Mißhandlung mit tödlichem Ausgang bekannt. Im September 1933 wurde ich Zeuge, wie der Jude Leibowitsch, der krank und mißhandelt ins Lager eingeliefert worden war, von den SA- Leuten schwer drangsaliert und geschlagen wurde, so dass er am andern Tag im Revier starb.
Man lebte in ständiger Angst, unversehens einmal in die Klauen der Bestien zu geraten. Wir befanden uns in einem Zustand vollständiger Rechtlosigkeit und waren der Willkür hilflos preisgegeben. Viele Kameraden, die das besondere ,, Interesse" der Wachmänner gefunden hatten, mußten Tag für Tag ein wahres Martyrium durchmachen.
Aber auch die allgemeine Schikane wurde von Monat zu Monat stärker. Die Aufseher ersannen immer neue Miẞhandlungen und Plagen. Sie machten sich ein Vergnügen und einen Sport daraus. Ein Wachmann schnitt Häftlingen die Haare. Man mußte dabei in die Kniebeuge gehen und durfte nicht mucksen,
Kunter- Wittmann, Weltreise 17
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