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Weltreise nach Dachau : ein Tatsachenbericht nach den Erlebnissen des Weltreisenden und ehemaligen politischen Häftlings / Max Wittmann ; aufgezeichnet von Erich Kunter
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Pflicht, der Familie Hubmann die Nachricht von Erichs Heldentod zu über­bringen.

Und dann? Wo war meine Heimat, wo mein Herz zu Hause? Wo gehörte ich hin? Wo lebte der Mensch, der für mich da war?

*

Wochen vergingen. Mein Herz, zuerst leicht wie ein Vogel, wurde bald wieder schwer. Auch in der Freiheit kann man nicht frei und unbekümmert leben, wenn man unter Menschen ist, die in selbstverschuldeter Unfreiheit existieren. Ich sah vieles, was mich bedrückte. Ich erkannte, daß die Deutschen auch außerhalb unserer Lager in Gefängnissen gelebt hatten und sich auch jetzt noch, nach ihrer Befreiung, geistig, seelisch und moralisch darin befanden. Die Spuren der Hölle führten durch ganz Deutschland , durch ganz Europa . Überall zerstörte Städte und Dörfer, überall Not und Elend, kein Haus, das die Apokalyptischen Reiter verschont gelassen hatten. Überall Not und Tod, Verwüstung und Verwilderung. In Blut und Tränen schwammen die Völker. Ich erfuhr von entsetzlichen Greueln und Geschehnissen in allen Teilen Europas , die Kriegsfurie hatte maßlos gewütet. Alle Bande menschlicher Ord­nung und Gesittung hatten sich gelockert. Das Volk stand vor dem Abgrund, war in die Barbarei untergegangen.

Schlimmer noch als die materiellen Schäden sind die geistigen, seelischen und moralischen Zerstörungen. Zersetzung, Verderbnis, Chaos überall. Die Gift­spritze des Nazismus wirkt nach. Das Volk ist krank und verseucht, der Mensch in seinem Bestand im höchsten Maß gefährdet.

Die Menschheit steht unter dem Gewicht ungeheuerlicher Verhängnisse. Sie ist in die Irre gegangen. Immer neue Gewaltmenschen haben die Völker ins Feuer und Verderben gejagt. Sie sind förmlich wahnsinnig geworden. Grauen­hafte Unholde wie Hitler und Himmler sind dem Schoß eines Volkes ent­sprungen, aus dem zuvor wunderbare Lichtgestalten und Genies wie Goethe und Schiller, Hölderlin und Mörike , Beethoven und Mozart , Bach und Bruckner, Dürer und Grünewald geboren wurden.

Das Entsetzen lähmt uns fast, uns wenige, die Fühlen und Denken, Ver­nunft und Verstand bewahrt haben. Wohin ist der Mensch geraten, was soll

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