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Weltreise nach Dachau : ein Tatsachenbericht nach den Erlebnissen des Weltreisenden und ehemaligen politischen Häftlings / Max Wittmann ; aufgezeichnet von Erich Kunter
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aus ihm werden? Wir sind traurig und verzweifelt. Wir sehen, wie das Volk sich hilflos und verworfen in ausweglosen Verstrickungen windet, wie es noch tiefer im Sumpf versinkt. Wir sehen das Leid und die unendlichen Qualen der Millionen. Schuldlos- schuldig sind sie allen Schrecken der irdischen Hölle preisgegeben; unvermögend, aus eigener Kraft sich herauszuretten; unver­mögend, die Kraft und Gnade Gottes zu erwerben. Keine Macht der Welt, keine Organisationen, Institute, Hilfsverbände, keine Pläne und Systeme bringen der Menschheit Ruhe, Ordnung und wahren Frieden, wenn sie nicht von der Kraft des Herzens, von der Kraft der tätigen Liebe erfüllt sind. Aber wo ist in allen Kalkulationen und Plänen diese Kraft einbezogen?

Schreckliches ist geschehen, Schrecklicheres noch kündigt sich an, wenn es uns nicht gelingt, der Vernunft und der anständigen Gesinnung zum Sieg zu verhelfen, die sittlichen Begriffe wieder einzusetzen, die Herzen und Hirne zu gesunden; das Element zu erneuern und wieder wirksam zu machen, das allein imstande ist, die Menschheit aus Chaos und Untergang zurückzureißen: Die Liebe.

Nur sie kann uns wieder Zucht und Ordnung geben, nur sie kann die Ge­brechen heilen, nur sie uns auf die rechte Straße zurückbringen, die uns mit­einander aus der Dunkelheit zum Licht führt; nur sie aus Qual und Leid erlösen, uns wieder gesund und lebenstüchtig, lebensberechtigt machen.

Wir verzweifeln nicht. Wir glauben an den Menschen, weil wir an die Macht des Guten und Edlen, an die Macht der Seele und des Geistes, an die Macht Gottes glauben. Sie ist nicht zerstört, obwohl es so scheint, obwohl sie von der Macht des Bösen überwältigt worden ist. Das Gute ist nicht aus­gestorben. Es ist da. Es lebt. Laßt es uns wirksam machen! Laßt neues Leben aus den Ruinen entstehen! Seid treu und guten Willens! Seid die ersten Menschen, ihr letzten Menschen, und fangt an am Neubau der Welt!

Wir legen dieses Bekenntnis zum Menschen ab nach allem, was wir an menschlicher Niedertracht und Verworfenheit erlebten. Wir glauben trotz allem an den Sinn des Lebens und den Sieg des Guten.

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Gesichte, Gefühle und Gedanken bewegen und bedrängen mich in letzter Zeit. Ich hatte mir die Freiheit doch anders vorgestellt, freier, menschlicher, zu­

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