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Weltreise nach Dachau : ein Tatsachenbericht nach den Erlebnissen des Weltreisenden und ehemaligen politischen Häftlings / Max Wittmann ; aufgezeichnet von Erich Kunter
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daß er sein Essen bekam und reichte es ihm nicht, dann holte er sich eben nocheinmal. Früher hatten sich die armen, halbverhungerten Männer gedrängt und gestoßen, um zu ihrem kargen Teil zu kommen, gierig, vielleicht vor dem andern einen Vorteil zu erhaschen, ein paar Brocken mehr zu bekommen. Ach, und jetzt gab es soviel man wollte. Und wir brauchten nur da- und dorthin zu gehen, da bekamen wir nicht nur alles, was das Herz begehrte, sondern auch noch ein freundliches Wort dazu. Ja, wahrhaftig, ich hatte oft vollauf genug und wünschte nichts mehr. Aber ich ging trotzdem hin und holte mir ein Gebäck oder ein Stück Schokolade oder eine Zigarette, nur, um noch ein freundliches Wort zu erhaschen. Nach dieser seelischen Speise hörte der Hunger nicht so bald auf wie nach der leiblichen.

Wir wurden gefüttert mit allerlei guten Dingen, mit Fleisch, Wurst, Pud­ding, Kuchen, Süßigkeiten. Es war für uns das reinste Schlaraffenland. Hatte ich es je so gut gehabt? Hatte es mir je so geschmeckt? Ich stellte Vergleiche mit meinem ,, schwimmenden Schlaraffenland" in der Südsee an, mit Mister Leeds Luxusjacht. Ach, es kam mir hier noch wunderbarer und üppiger vor, obwohl das Essen und die Genüsse hier natürlich doch viel einfacher und ge­ringer waren als damals auf der Moana, wo das üppige Schlemmerleben den Gaumen abstumpfte und den Bauch übersättigte.

Tagsüber lagen wir in der Sonne vor dem Draht, der früher elektrisch ge­laden war und so vielen von uns das Leben gekostet hatte. Oder wir machten kleine Rundgänge durch das Lager, das inzwischen gesäubert und aufgeräumt worden war. Wir betrachteten die Todesfabriken, das Vergasungsinstitut, das Krematorium, die Hinrichtungsstätte. Tausende und aber Tausende Opfer waren hier dem Moloch Nazismus anheimgefallen.

Wir interessierten uns auch für die SS- Magazine. Es waren die reinsten Räuberlager. Außer Lebensmitteln hatten die Banditen dort alle nur denk­baren Gegenstände und Waren aus den unterjochten Ländern aufgespeichert. Da gab es viele Ballen feinster Stoffe, kostbare Gläser und Porzellane, Silber­bestecke, Schreibmappen, Briefpapiere. Einen Friseurladen voll echter Parfüme, Haaröle, Hautcreme, Toiletteseifen, Waschpulver. Ganze Schuppen voll un­ausgepackte Kisten mit französischen, holländischen, tschechischen Aufschriften. Keller voll Schnaps und Wein. Ein Warenlager, aus allen Ländern Europas und von allen Völkern zusammengestohlen. Ein großes Warenhaus mit allem

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