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Weltreise nach Dachau : ein Tatsachenbericht nach den Erlebnissen des Weltreisenden und ehemaligen politischen Häftlings / Max Wittmann ; aufgezeichnet von Erich Kunter
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Frei

Das Lager durften wir allerdings noch nicht so schnell verlassen. Wir mußten eine Zeitlang streng isoliert gehalten werden, da ja Typhus und andere Seuchen wüteten. Jeder mußte eine Quarantänezeit mitmachen. Die Kranken kamen in Lazarette, die in aller Eile in den SS - Gebäuden eingerichtet wurden. Die amerikanischen und französischen Truppen stellten überdies je. zwei Feldlazarette mit viertausend Betten zur Verfügung. Auf dem Appell­platz wurden große Zelte aufgeschlagen, in denen Dutzende von amerikani­schen Ärzten zur Rettung der Kranken tätig waren und alles daransetzten, um den Todgeweihten das Leben zu erhalten. Trotzdem starben noch Hunderte an den Seuchen und an Entkräftung; sie waren nicht mehr zu retten.

Wir mußten einer hinter dem anderen durch die lichten, sauberen Zelte wandern, wo wir gegen Fleck-, Bauch- und Hungertyphus geimpft wurden. An Essen litten wir keine Not. Wir mußten in der ersten Zeit vorsichtig sein und durften nur wenig essen, da wir innerlich auf eine gute und reichliche Kost nicht mehr eingerichtet waren. Manche konnten nicht Maß halten und er­krankten zum Teil schwer. Langsam mußten wir uns an eine ordentliche Kost wieder gewöhnen. Aber es war doch herrlich, sich sattessen zu können, nicht mit hungrigem Magen in die Falle kriechen zu müssen. Ich will hier nicht einer materialistischen Lebensauffassung ein Loblied singen, aber ich muß doch sagen, daß das Wohlbefinden des Menschen und auch ein gut Teil seiner charakterlichen Haltung von einem wohlversorgten Magen abhängt. Der Magen reguliert nicht nur die körperliche, sondern auch die seelische und moralische Verfassung des Menschen.

Bei der Essenseinteilung standen wir schön brav und sauber hintereinander in den Reihen und warteten geduldig, bis wir drankamen. Jeder wußte ja,

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