Druckschrift 
Weltreise nach Dachau : ein Tatsachenbericht nach den Erlebnissen des Weltreisenden und ehemaligen politischen Häftlings / Max Wittmann ; aufgezeichnet von Erich Kunter
Seite
229
Einzelbild herunterladen

Frau gewesen, die neben Tete einen Platz in meinem Herzen behalten hatte. Oft auf meinen Wegen war ein sehnsüchtiger Gedanke zu ihr gewandert und mehr als einmal hatte ich mich befragt, ob sie nicht doch eine gute Gefährtin für mein Leben hätte werden können. Sie hatte mich sehr geliebt. Alle Einzel­heiten unseres kurzen Zusammenseins gingen mir durch den Sinn bis zu der tragikomischen Episode an der jugoslawischen Grenze mit dem wehmütigen Abschied. Ihre Geistesgegenwart hatte uns damals aus einer unangenehmen Situation gerettet. Jedes einzelnen Wortes erinnerte ich mich noch. Du bist frei", hatte sie gesagt ,,, wie ich auch. Aber ich weiß nicht, ob ich jemals einen andern nehmen kann."

Wahrlich, einen Augenblick sehnte ich mich nach einer stillen, warmen Häus­lichkeit mit ihr. Wie, wenn sie noch auf mich wartete?

,, Und Resi?" fragte ich die Brüder mit stockendem Atem.

,, Sie ist verheiratet", lautete die Antwort. Erich Hubmann betrachtete mich prüfend. Ein sonderbares Mädel, das. Sie hätte Gelegenheit gehabt, Männer mit Rang und Reichtum zu heiraten. Aber sie hatte es sich in den Kopf gesetzt, Schwester zu werden und nahm dann einen Kriegsblinden zum Mann. So habe sie auch eine Lebensaufgabe, hatte sie gemeint."

Ich blieb stumm ergriffen. Wenn Resi im Mittelalter gelebt hätte, wäre sie vielleicht ins Kloster gegangen; jetzt brachte sie ihr Leben zum Opfer, um einem Ärmsten, einem Blinden, Licht zu spenden mit ihrem gütigen Wesen.

Wir erzählten einander von unseren Leidenswegen. Das, was ich erlebt und mit angesehen hatte, verblaßte neben den Berichten, die sie mir gaben.

Die Brüder und einige ihrer Kameraden erzählten grauenhafte Einzelheiten von der Hölle in Dachau , die sie durchschritten und bis jetzt überstanden hatten. Von Menschen berichteten sie, die auf alle Arten gequält und gefoltert worden waren. Die schlimmsten Szenen aus den mittelalterlichen Folter­kammern wiederholten sich in dieser Zeit.

Ein wahres Inferno erstand vor mir bei den Berichten; es verschlug mir bis­weilen den Atem. Da hatte man lebende Menschen in Steinquetschmaschinen hineingeworfen, Halberfrorene in kaltes Wasser gelegt, wo sie noch stunden­lang leiden mußten, bis sie tot waren, Gesunde in den Versuchsstationen zu Krüppeln und Siechen gemacht oder zu Tode seziert.

229