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Weltreise nach Dachau : ein Tatsachenbericht nach den Erlebnissen des Weltreisenden und ehemaligen politischen Häftlings / Max Wittmann ; aufgezeichnet von Erich Kunter
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Inferno

In Nacht und Hölle geworfen. Grauen umfing mich. Es roch nach Leichen und Verwesung. Die Luft war geladen mit Giftstoffen und Krankheitskeimen. Man spürte in allen Nerven, daß hier Grauenhaftes vor sich ging. Wie Todes- hauch wehte es durchs Lager. Ich schauerte zusammen, als habe mich die Schwinge des Todesengels berührt. Für Sekunden stieg die furchtbare Vision des Sensenmannes vor mir auf, der riesig aus dem Nichts emporwuchs, den Himmel verdunkelte und sich über das Lager beugte, mit der Sense zum Schnitt ausholend.

Ich schloß sekundenlang die Augen, wankte in die Baracke hinein. Sie war vollgestopft von Menschen. Ich meldete mich beim Blockältesten.Du mußt dir eben eine Schlafgelegenheit suchen. Eine Falle ist nicht mehr frei. Du siehst ja selbst, wie es hier zugeht.

Lange suchte ich nach einem Plätzchen, wo ich mich würde lang legen können, fand aber nichts. Überall lagen sie schon auf dem Boden herum, in jeder Ecke waren notdürftige Schlafstellen eingerichtet, jedes Fleckchen war ausgenützt. Ich sprach mit mehreren Kameraden, suchte, ob ich nicht Bekannte finden würde. Und ich fand zwei.

Bei Tisch im Tagesraum fand ich sie. Ich stand ihnen gegenüber, starr vor Staunen. Es waren Erich und Joseph Hubmann. Auch sie waren maßlos über- rascht. Wir lagen uns in den Armen und freuten uns zwischen Verwunderung und Rührung. Sie befanden sich seit der Besetzung Österreichs , also seit 1938, im Konzentrationslager. Sie gehörten zu denen, die sich gegen den Anschluß Österreichs an Nazideutschland geäußert und gewehrt hatten.

Die schöne Zeit meiner Zuneigung zu Resi Hubmann kam mir in Erinne- rung, und diesmal überließ ich mich dem holden Traum. Sie war die einzige

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