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Weltreise nach Dachau : ein Tatsachenbericht nach den Erlebnissen des Weltreisenden und ehemaligen politischen Häftlings / Max Wittmann ; aufgezeichnet von Erich Kunter
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Blut schwitzen, um es herauszufinden. Es soll auch ihnen nicht nur gut gehen. Denn es geht ihnen wohl gut genug, sie haben zu leben, sitzen friedlich und warm in schön ausgestatteten Arbeitszimmern. Allerdings, so einfach ist das auch wieder nicht. Ich habe gelesen, daß viele unglücklich waren und verrückt wurden, und ein Berühmter hat einmal ausgerufen: Gott , mein Gott, du hast mich ein ganzes Leben lang gequält!" Und Dostojewski hat an epileptischen Anfällen gelitten, und andere haben an ihrem Leben wie an einer schweren Last getragen, obwohl nach außen hin alles so schön klappte, Haus und Garten und mancherlei Bequemlichkeiten da waren. Komisch, wenn man es recht bedachte, war vielleicht kein Mensch glücklich; es gab vielerlei Höllen, durch die er hindurch mußte, vielerlei Verstrickungen und Abgründe. Wer kannte sich da aus! Verdammt, das Leben war anscheinend für alle eine schwere Last, wirklich ein Jammertal, ich hatte das immer für eine leere Phrase gehalten. Aber ich durfte mich nicht versündigen. Nein. Es war nicht recht, daß ich manchmal mit Gott und meinem Schicksal haderte. Der große Dichter klagte Gott an, daß er ihn sein ganzes Leben hindurch gequält habe. Mich hatte er bisher nur ein paar Monate quälen lassen und er würde mich höch­stens ein paar Jahre quälen. Was für schöne und glückliche Zeiten hatte er mir schon geschenkt! Er hatte mich begnadet und bevorzugt vor vielen anderen. Er hatte mir Köstlichkeiten gewährt wie selten anderen Menschen zuteil wur­den. Er hatte mich als einfachen, starken, sinnenfrohen Menschen geschaffen und mir seine Welt geschenkt, er hatte mir so oft weitergeholfen, er würde mir auch jetzt weiterhelfen.

Aber was phantasierte ich da zusammen! Was für einen blauen Dunst machte ich mir vor! Humaner Dusel und Fusel! Alles Unsinn. Ich war ins Konzentrationslager gekommen, wie ein anderer im Gebirge abstürzt und das Genick bricht. So war es nun und nicht anders. Damit basta. Meine Aufgabe war, durchzuhalten und zu versuchen, mich zu retten. Und nachher? Die Nazis? Nachher kamen die Nazis an die Reihe! Weg mit ihnen. Zerdrücken wie die Wanzen. Einen Mörser erfinden, in dem man sie zerquetschen kann.

Da pfeift es. Rums, fliegt alles raus aus den Betten. Nervöse Hast unter den Aufgestörten. Es ist fünf Uhr dreißig Minuten. Die Einteilung ist so, daß keiner zurückbleiben darf, will er nicht Unannehmlichkeiten und Nachteile haben. Erst baut der Ober- und der Unterstock Betten, dann heißt es ,, Raus!",

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