stens noch fünf Minuten auf sich warten lassen. Ah, noch fünf Minuten! Welche Ewigkeit, welche Seligkeit! Fünf Minuten ganz allein für mich. Kein Mensch würde mich stören, kein SS- Mann mich anschreien. Ich konnte ganz souverän über meine fünf Minuten verfügen. Ja, ich konnte, beispielsweise, meinem großen Traum ein bißchen nachhängen. Wie damals in der grünen Thüringer Mulde. Oder am Strand auf Tahiti , unter dem Kreuz des Südens, Tete neben mir, die schöner war als der schönste Traum, zarter als der Hauch über dem Meer in der Ferne, märchenhafter als das Märchen der„, Inseln im Winde". Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen? Warum hast du mich aus dem Paradies verjagt, in dieses Paradies des Teufes hineingestoßen!
Ich werde traurig, hole mich zurück aus dem grübelnden Traum. Nein, ich kann doch nicht über meine fünf Minuten frei verfügen. Ich bin ein Verdammter, ich brauche meine fünf Minuten, um mich in der Verdammnis am Leben zu erhalten, meine Kräfte zu konzentrieren, ich selber bin ja schon konzentriert im Konzentrationslager, haha. Wie witzig man sein kann, in allem Elend. Wie gut, daß meine Mutter tot ist! Sonst würde sie sich jetzt zu Tode grämen, und dann wäre ich an ihrem Tode schuld, ein Muttermörder wie Georg Masel. Vielleicht sind die Gebrüder Masel Zwillinge und unter dem Saturn geboren mit einer schlechten Konstellation im Haus des Mondes. Da hatte ich mal in einem astrologischen Buch gelesen, daß solche Menschen ein furchtbares Los haben, entweder Mörder werden oder aber Ermordete. Wer weiß, wie das alles zusammenhängt. Aber wenn man den Philosophen und Dichtern glauben darf, ist alles Vorherbestimmung. Niemand kann sein wie er will und sollte. Die Nazis sprechen von Erbgut. Die andern von Veranlagungen, die zwangsläufig den Ablauf des Lebens bestimmen. Also kann man doch keinen Nazi verantwortlich machen für das, was er tut!
Vor Jahren hatte ich mal ,, Raskolnikow" von Dostojewski gelesen. Wie der die Menschen kannte! Er wußte Bescheid um die tragische Verlorenheit des Menschen, er wußte, wie schwer sie an ihrer Verworfenheit trugen, wie verstrickt sie in ihr dämonisches Schicksal waren, wie sie an der Strippe zappelten, an dem der mächtige Böse zog. Das Inferno beginnt hier auf Erden bereits, die Seele muß durch das Purgatorium hindurch, Gute und Böse müssen leiden. Warum? Wieso? Hol's der Teufel! Was geht mich das an? Über diese Fragen sollen die Dichter und Philosophen nachdenken. Das ist ihres Amtes. Sie sollen
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