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Weltreise nach Dachau : ein Tatsachenbericht nach den Erlebnissen des Weltreisenden und ehemaligen politischen Häftlings / Max Wittmann ; aufgezeichnet von Erich Kunter
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sicher die Wärme nicht halten können, doch die zweihundert Menschen im Schlafsaal geben außer dem furchtbaren Gestank, der einem kaum die Luft zum Atmen läßt, doch eine gewisse Wärme.

Meine Gedanken gehen matt und undeutlich durch den Kopf, abgerissene Schatten und Bilder wie in den unruhigen Träumen. Gestern, Sonntag früh, war ich auf der Schusterbude. Zwei nette Kapos waren da, die Gebrüder Masel. Allgemein beliebt, ruhig und freundlich zu jedermann. Selten findet man so sanfte und gleichmäßige Menschen hier. Gutmütig hatte Georg Masel mir versprochen, mir den Schuh bald zu flicken. ,, Komm morgen abend wieder, Max!" Ich hatte ihm zum Abschied die Hand reichen wollen, er gab sie mir aber nicht; ich war befremdet darüber. Geh nun, Max. Auf Wiedersehen. Und was willst du, Karl?" Nachmittags im Gespräch mit Kameraden hatte ich dann gefragt, was mit den Brüdern Masel sei. ,, Zwei gute Kapos, nicht wahr?" ,, Ja, schon. Man sollte es nicht glauben, daß es Schwerverbrecher sind. Sie haben als sechzehnjährige Buben ihre Eltern ermordet."

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In mir schwang jetzt noch die Erregung über diese Auskunft nach. Welche Abgründe waren im Menschen, von welchen teuflischen Kräften und Dämonen wurden sie angetrieben? Wie nahe beieinander waren in den Menschen Böses und Gutes, Edles und Verworfenheit, Grausamkeit und Mitleid, Gott und Teufel! Ich erschrak im tiefsten Innern. Konnte man den Menschen überhaupt verantwortlich machen für das, was er tat? In vielen war das Menschtum ganz von den bösen Kräften überspielt, sie waren das Werkzeug der Dämonen, die sich in ihnen festgesetzt hatten; sie lebten nicht mehr das Leben von Men­schen, hatten nur noch Menschengestalt, kaum noch Menschengesicht. Sie waren krank, eine Seuche hatte sie erfaßt, sie litten an Wahnsinn. Herr, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun. Nein doch, so konnte ich nicht beten. Ich war auch nur ein Mensch. Herr, nimm sie in Schutzhaft. Eine grimmige Laune des Schicksals hatte die falschen Leute in Schutzhaft geraten lassen! Schutzhaft! Auch so ein Wort der Niedertracht. Wer sollte vor uns oder wir vor wem geschützt werden? Schutz brauchten nur wir, und zwar vor den Bestien, die uns bewachen sollten.

Ich wartete auf den Pfiff. Mir stockte der Atem in der plötzlichen Über­zeugung, daß es in der nächsten Minute pfeifen werde. Noch zehn oder zwanzig Sekunden. Es pfiff nicht. Da wünschte ich mir, der Pfiff möge wenig­

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