Ein Wintertag
Ich wache vom nervösen Schlaf auf, sehe durch die Scheiben der mit Eis- blumen verzierten Fenster, der elektrische Draht ist erleuchtet. Wie spät mag’s sein, fünf, halb sechs? Die ersten Zeichen des Morgengrauens draußen, die dunklen Nebel hellen sich etwas auf. Ich fühle, bald wird es pfeifen zum Wecken, dann geht das Licht am Appellplatz und in den Blocks an und der grausig kalte und gnadenlose Tag beginnt. Einer gleicht dem andern. Man ist immer froh, wenn man wieder in der Falle liegt, wenn man ungeschoren da- vongekommen ist, wenn man nicht das Mißgeschick hatte, in irgendeine mör- derische Sache hineinzugeraten, den Bestien in die Fänge zu fallen. Wie lange soll das so weitergehen, die ewig gleiche Frage! Besteht überhaupt Aussicht, daß man aus dieser Hölle mal lebend herauskommt? Nur der Tod kann Er- lösung bringen, denn Entlassung gibt es doch keine. Unter tausend mal einer oder zwei. Auf diese Lotterie verlasse ich mich weniger noch als auf das Hasardspiel seinerzeit in Monte Carlo . Was ist das, was haben diese Hunde eigentlich mit uns vor? Wollen sie uns alle zu Tode martern oder verhungern lassen? Wenn ich daran denke, der Blockälteste sitzt schon zehn Jahre hinter dem Draht, mich schaudert bei dem Gedanken, daß ich vielleicht auch so lange aushalten muß, um schließlich doch noch ein Opfer der wahnsinnigen Verbrecher zu werden, abgetan zu werden wie ein Stück Vieh, zertreten wie ein Insekt, bespien wie der letzte Dreck. Mein Gott, mein Gott, hast du mich verlassen?
Verzweiflung überfällt mich manchmal, aber nur für Augenblicke. Die Kraft reicht gar nicht aus zu Verzweiflungsattacken; auch wehre ich mich immer mit aller Energie gegen niederdrückende Gefühle.
Ich liege still in der Falle, warte auf den Pfiff. Draußen ist gewiß eine Hunde- kälte, sie kriecht durch die Barackenwände herein. Die dünnen Bretter würden
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