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Weltreise nach Dachau : ein Tatsachenbericht nach den Erlebnissen des Weltreisenden und ehemaligen politischen Häftlings / Max Wittmann ; aufgezeichnet von Erich Kunter
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langsamen Selbstmord. Denn Brot war das unentbehrlichste Nahrungsmittel, dessen Qualität und Quantität uns am Leben erhielt. Es war kostbar wie das Leben selber. Darum wurde Brotdiebstahl auch hart und unerbittlich von den Häftlingen selber bestraft. Wer des Brotdiebstahls überführt wurde, bekam von uns so unbarmherzig Prügel, wie für andere Vergehen von der SS. Lebensgefährlich.

Die unbezähmbare Sucht vieler Häftlinge, zu rauchen, führte ebenfalls zu Brothandel. Tabak oder Tabakersatz wurde gegen Brot eingetauscht. Das wurde ebenfalls vielen zum Verhängnis. Denn auf das Rauchen konnte man verzichten, niemals aber auf einen, wenn auch noch so kleinen Teil des Brotes. Wer von seinem Brot laufend abgab, mußte unrettbar eingehen.

Essen! Das war der Gedanke und das Gespräch der ewig Hungrigen. Nichts sonst interessierte sie so sehr wie das.Was gibt es heute?, das war die ständig wiederkehrende Frage, eines der beiden Hauptthemen. Das andere Thema hieß: Komme ich hier wieder raus und wann?

Aber noch eine Frage schien dringlich zu sein, wenn sie auch wenig im Lager unter den Häftlingen behandelt wurde: das Geschlechtsleben. Die Lager- verwaltung jedenfalls sah diese Frage sicher als dringlich an, denn sonst hätte sie nicht in die karge Rubrik) ihres Haushalts, überschriebenHäftlings- betreuung, Ausgaben und Einnahmen über die geschlechtlichen Versorgungs- maßnahmen eintragen können. Während meines Aufenthalts in Flossenbürg wurde ein Bordell eingerichtet. Man wollte damit wohl in erster Linie vor- beugen, daß widernatürliche Geschlechtsbetätigungen allzusehr um sich griffen. Denn bei der erzwungenen geschlechtlichen Enthaltsamkeit durch viele Jahre konnte es natürlich nicht ausbleiben, daß Männer in sexuelle Not gerieten und sich auf mancherlei Art abzureagieren versuchten. Manche halfen sich wohl mit Onanie. Es kamen aber auch Beziehungen zwischen Männern zustande. Da und dort wurde so etwas bekannt. Verurteilungen, Sterilisation und Kastrieren wegen Vergehens gegen den$ 175 kamen vor.

Dem allem sollte nun die Einrichtung des Bordells-abhelfen. Ich empfand eine solche Einrichtung als Schande und neue Erniedrigung und ließ mich nie in dem Haus sehen. Kameraden berichteten mir über Zustände und Vorgänge im Bordell. Wollte der Häftling solch ein Haus besuchen, so mußte er sich vorher bei seinem Blockältesten anmelden. Er wurde vorgemerkt und bekam

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