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Weltreise nach Dachau : ein Tatsachenbericht nach den Erlebnissen des Weltreisenden und ehemaligen politischen Häftlings / Max Wittmann ; aufgezeichnet von Erich Kunter
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Der Ruhestörer war wieder mal der Sturmführer Schirner, das Ekel. Es fiel ihm nicht selten ein, sonntagnachmittags das ganze Lager antreten zu lassen.

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Singen!

Er spazierte daher wie der Storch im grünen Klee, gestiefelt und gespornt. Lackstiefel, lederne Reithosen, saubere, elegante Uniform.

In der Mitte des Appellplatzes ließ er eine Holztreppe aufstellen. Dort mußte ein Häftling hinaufstehen, der früher vielleicht mal Dirigent bei einem Gesangverein gewesen war. Er stimmte ein Lied an. Und dann mußte der Chor der Lagerinsassen singen.

Schirner schritt gravitätisch auf und ab, die Hände auf dem Rücken und vertrieb sich die Zeit damit, dem Gesinge zuzuhören und sich dabei ein biß­chen im Glanze seiner Macht und Größe zu sonnen. Wir verwünschten ihn zu allen Teufeln, gröhlten laut, damit es nicht auffiel, daß viele nicht mit­

sangen.

Zwischenrein seine Rufe und Kommandos: ,, Schöner! Zackiger, ihr faulen Burschen! Ich werde euch das Singen beibringen und den Übermut vertreiben! Aufhören! Nochmals von vorne! Das ist doch ein Gefurz und kein Gesang, ihr Schweinehunde! Aufstehen! Hinliegen!"

So konnte es zwei Stunden lang gehen, bis er endlich genug hatte und zum Tor hinausstolzierte. Die Sonntagsstunde war uns wieder mal verdorben.

Bald hieß es dann: Essen fassen. Alle mußten hinaustreten. Im Block blieben nur der Blockälteste und der Schreiber zurück und vielleicht noch ein paar prominente Kapos. Die sorgten natürlich erst mal für sich, füllten sich einen schön gehäuften Teller voll Kartoffeln. Auch ihre Portionen an Brot und Wurst ließen sie nicht gerade klein ausfallen. Darauf teilten sie die Portionen an uns aus. Wir mußten uns aufstellen, einer hinter dem andern. Jeder stellte Überlegungen an, wie er am besten drankomme. Verschiedene wollten die ersten sein, vielleicht weil sie sich einbildeten, daß oben das Fett schwimme, die andern drückten sich hinten herum, weil unten im Kessel das Dicke ist. So kam es manchmal mehr oder weniger versteckt zu einem Kampf um die besten Plätze und Portionen, um einen winzigen Vorteil. Wie häßlich und gemein wird der Mensch, wenn er seine Gedanken einzig darauf richten muß, sein nacktes Leben zu fristen; wenn er nach einer Brotrinde gieren muß!

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