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Weltreise nach Dachau : ein Tatsachenbericht nach den Erlebnissen des Weltreisenden und ehemaligen politischen Häftlings / Max Wittmann ; aufgezeichnet von Erich Kunter
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Die Elenden

Das war die erste Exekution, der ich mit der Masse der Häftlinge bei­wohnte. Es war verhältnismäßig selten, daß Gefangene flüchteten. Ganz selten kam einer durch. Die meisten wurden tot oder lebendig zurückgebracht, mit Hunden aufgespürt und gehetzt. Es gab nur wenige, die die barbarischen Strafen überlebten und dann in eine Strafkompanie eingereiht wurden, in der sie trotz allem noch elend zugrunde gingen. Die Unglücklichen erhielten nach ihrer Rückkehr hundert oder gar hundertfünfzig Stockhiebe zudiktiert. Einmal war ich zugegen, als ein Pole, der nach dieser Prozedur noch lebte, auf­gehängt wurde.

Die Fluchtversuche von Gefangenen hatten auch für die Lagerinsassen schlimme Folgen. Wie ich schon schilderte, mußten die Blocks geschlossen auf dem Appellplatz stehen bis der Flüchtige wieder zurückgebracht wurde. In Regen, Sturm und Schnee mußten die ausgemergelten, hungrigen Menschen in ihren dünnen Anzügen oft stunden- oder gar tagelang aushalten.

Wir waren gezwungen, selber dafür zu sorgen, daß niemand durchging. Zu diesem Zweck wurden Lagerwachen aufgestellt. Abwechselnd mußten einige Häftlinge Nachtwache halten. Manche meldeten sich zu diesem Posten frei­willig. Man hatte da den Vorteil, daß man von den Überresten der Mahl­zeiten nochmals etwas erhielt. Nachtwache zu haben war gewiß kein Ver­gnügen. Aber der Hunger war das größere Übel und für einen Napf voll Kartoffelstampf tat man alles mögliche.

Essen? Morgens gab es eine dünne Suppe. Mitunter roch sie nach fauligen Kartoffeln. Zur Arbeit bekamen wir eine Scheibe Brot mit, auf acht Mann ein Kilogramm Brot. Mittags Kraut oder Steckrüben. Pro Mann dreiviertel Liter Essen und drei oder vier Pellkartoffeln. Die meisten warfen die Kar­

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