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Weltreise nach Dachau : ein Tatsachenbericht nach den Erlebnissen des Weltreisenden und ehemaligen politischen Häftlings / Max Wittmann ; aufgezeichnet von Erich Kunter
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toffeln mit der Schale ins Essen hinein, nicht weil sie zu faul zum Schälen waren, sondern damit ihnen ja nichts verlorenging. Gegessen wurde alles, was irgendwie genießbar war. Manche suchten Tisch und Boden nach Kartoffel- schale ab, die andere weggetan hatten. Die Speisen waren fast ohne Fett zu- bereitet. Das nährwertarme Essen hielt natürlich nicht vor. Hunger und Unter- ernährung waren die Folgeerscheinungen der unzulänglichen Verpflegung.

Fleisch gab es zweimal in der Woche, donnerstags und sonntags. Aber was heißt da Fleisch! Im Essen schwammen ein paar rote Fasern herum. Büchsen- fleisch. Manchmal auch frisches Freibankfleisch. Wenn man dann Glück hatte, fand man zwei, drei Stückchen so groß wie die Spitze des kleinen Fingers darin. Abends, wenn man ins Lager kam, der Appell vorbei war und alles gut ging, so daß man gleich essen konnte, gab es für vier Mann ein Brot, dann etwa ein Stück Wurst, handtellergroß die dünne Scheibe, oder zwanzig bis dreißig Gramm Margarine, zuweilen ein Stückchen Käse. Dazu das braune Wasser, das sich Kaffee nannte. Wenn abends Suppe verabfolgt wurde, fiel Wurst oder Margarine aus.

Bei dieser Ernährung mußten wir also schwerste Arbeit verrichten, im Steinbruch schuften, bei zwanzig Grad Kälte, in achthundert Meter Höhe. An die zweitausend Mann waren im Steinbruch beschäftigt. Mittags nahmen wir unser Essen an Ort und Stelle ein. In Reih und Glied standen wir mit dem Blechnapf in der Hand vor der Essensausgabe bei Kälte, Regen und Schnee und warteten, bis wir drankamen. Meist hatte Scharführer Gruber die Auf- sicht. Dieser Teufel in Menschengestalt schikanierte und mißhandelte uns von morgens bis abends. Einmal im Dezember hatte irgendetwas sein Mißfallen erregt, er kritisierte unsere Arbeit und ließuns zur Strafe unser Mittagessen draußen vor der Halle im Schneegestöber verzehren.

Es kam auch vor, daß das Mittagessen nicht für alle ausreichte. Dann wurde zum Schluß hinaus mit Wasser gestreckt oder auch weniger ausgegeben. Die letzten hundert Mann bekamen vielleicht nur einen halben Liter oder einen Viertelliter in ihre Schüssel und anstatt drei Kartoffeln nur zwei oder eine.

Wenn derSteinbruch abends einrückte, wurde hinter dem langen Zug eine Trägerkolonne aufgestellt, bei der auch ich mich zuweilen befand. Die Träger mußten die Häftlinge, die im Laufe des Tages aus Erschöpfung oder infolge der Kälte zusammengebrochen waren, an Händen und Füßen oder auf

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