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Weltreise nach Dachau : ein Tatsachenbericht nach den Erlebnissen des Weltreisenden und ehemaligen politischen Häftlings / Max Wittmann ; aufgezeichnet von Erich Kunter
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bleiben. Der Wind bläst sie um. Das letzte Fünkchen erlöscht in ihnen, sie fallen um und sind tot.

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wo war

So kostete diese Nacht zehn, zwanzig, dreißig Menschen; weiß nicht, wie­viel. Man achtete auch nicht drauf. Es gab kein Sitzen, kein Ausruhen, kein Austreten. Die Leute machten in die Hosen, alle waren voller Unrat und Kot. Immer wieder knickte einer um, blies sein Lebenslicht aus. Licht nur ein Fünkchen Licht, nichts als Dunkelheit, innen und außen! Wo war Gott ? Wo die Mutter, wo der Vater? Wo irgendein Mensch, an den zu denken ein wenig Trost spenden konnte? Wo Frau und Kinder? In den Ewig­keiten der unendlichen Nacht holte man manchmal wie aus grundlosen Tiefen einen Gedanken, ein Gefühl hervor, wie aus einem Scheintod kam man dann zu sich, konnte wieder als Mensch denken und fühlen, für Minuten. Eine Er­innerung an ein gutes Wort, das man einmal in seiner Kindheit hörte, und das längst vergessen war, stieg auf, Erinnerung an eine Gebärde der Liebe und Güte, an ein vergangenes seliges Stück Freiheit, an einen lieben Men­schen; ein Traum von einem warmen Heim, von einem Etwas, das einmal Leben war. Aber diese Aufwallung des Blutes, die ein Gefühl hervorbrachte, verebbte sofort wieder; das Fünkchen das für Sekunden eine Flamme ent­fachte, verlosch in Dunkelheit und Verzweiflung. Einer schrie auf wie ein Tier, seine Schreie gellten durch das nächtliche Dunkel. Er wurde durch Schläge zum Schweigen gebracht, zum ewigen Schweigen.

Die Nacht ging herum, es wurde wiederum Tag. Wir standen. Vergessen und verloren und abgestorben. Elende Wracks und Ruinen. Ein Friedhof mit Grabsteinen. Leichenhafte Fratzen.

Gegen Mittag Tumult. In unsere Kadaver kam Bewegung. Von weitem hetzte es herein. Menschen. Einer vornweg. Hunde hinter ihm. Sie haben ihn. Gott sei Dank!

Ich atmete auf, befühlte mich, als müsse ich mich vergewissern, daß ich noch am Leben sei, schüttelte mich wie ein Hund.

Der Gehetzte wurde auf einen Schemel gestellt, so daß er weithin sichtbar war. Seine ganze Gestalt war über und über mit Blut und Schmutz bedeckt. Ich staunte, wo er Kraft und Energie hernahm, nach dieser Attacke sich auf­recht zu halten und, wie ihm befohlen wurde, alle Minuten zu schreien: Ich bin zurück! Ich bin wieder da!"

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