Abendappell. Abzählen. Mützen ab. Blockweise zusammentreten. Meldungen, Kommandos. Der gleiche Zauber wie jeden Abend.
Es war feuchtkalt. Durch unsere leichten Kleider spürten wir beim Still- stehen die unangenehme Kälte. Aber Eisesschauer durchfuhr uns plötzlich, wie es hieß: die Stärke stimmt nicht! Das bedeutet für uns nichts Gutes.
Es wurde hochmal durchgezählt. Ein Mann fehlte. Das Wort„Wegtreten!”, das uns abends erlösend in den Ohren klang, ertönte nicht.
Wir standen eine Stunde, zwei Stunden, drei Stunden. Wir waren empört, nicht über die Behandlung, die uns zuteil wurde, denn an die hatten wir uns wie an ein unabwendbares Geschick gewöhnt, aber über den Häftling, der mit seiner Flucht unausdenkbare Leiden über uns brachte, der genau wußte, daß sein Tun uns schwere Opfer kosten werde. Wir wünschten inbrünstig, er möge bald zurückgebracht werden, tot oder lebendig, damit unsere Leidens- zeit abgekürzt werde.
Wir standen die ganze Nacht durch auf einem Fleck. Weiß jemand, was das heißt, eine feuchtkalte Novembernacht hindurch im Freien stehen zu müssen? Ich habe keine Worte, um das zu schildern. Es würde wohl auch nicht Worte geben, um klar zu machen, daß man noch viel länger diese Tortur aushalten mußte und konnte. Es ging der ganze nächste Tag vorüber, es kam wieder die Nacht und wir standen noch da. Wir standen da? Waren wir das? Was war es, das uns hielt? Wir hatten keine Gedanken und Gefühle mehr; wir spürten nicht mehr, daß wir Menschen aus Fleisch und Blut waren. Ein dünner Faden Leben pulste in diesem armseligen Häufchen Knochen und Haut, irgend- ein dumpfer Trieb ließ uns wie Bäumchen angewurzelt stehen. Der Wind wehte uns fast um; hohl und schwach schwankte der Körper, leere Gehäuse waren wir, die ohne Saft und Kraft erstarben, wie Gespenster geisterten unsere Schatten in der Nacht. Aber wir standen. Gibt es Leichen, die stehen können? Einer knickte ein, hielt sich aber noch in den Knien. Ein Kolbenschlag in die Kniekehle. Der Schatten sank um. Der Barbar schlug auf ihn ein, hielt aber inne. Der Mann war tot.„Das Aas ist verreckt”, sagte der Rohling und wandte sich ab.
Ja, man brauchte keinen Gewehrkolben dazu, man könnte mal mit dem Zeigefinger stoßen, um zu sehen, ob der und jener eine Leiche ist oder noch lebt. Dann würde vielleicht immer mal wieder einer umfallen und tot liegen
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