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Weltreise nach Dachau : ein Tatsachenbericht nach den Erlebnissen des Weltreisenden und ehemaligen politischen Häftlings / Max Wittmann ; aufgezeichnet von Erich Kunter
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bewegten mechanisch die Glieder, waren wie ausgepumpt, als hätte man uns Blut und Seele aus dem Körper gesaugt.

Nach zwei Wochen wurde unser Block aufgeteilt. Die einen dorthin, die andern dahin. Ich kam auf Block sechs. Nun waren wir wohlvorbereitet auf das, was kommen würde, abgehärtet, zurechtgestutzt, zu willfährigen Arbeits- tieren gemacht. Tiere? Nein, die hatten noch mehr Willen und noch mehr Würde. Tiere konnte man nicht so gemein und niederträchtig behandeln. Tiere krepierten höchstens unter Mißhandlung, aber sie ertrugen nicht jahrelange Qual, Entwürdigung, Schändung und Willkür jeder Art. Nie hätte ich geglaubt, daß der Mensch so tief sinken kann. Daß er soweit komme, jede, aber auch jede Gemeinheit und Brutalität, jede Bestialität und Erniedrigung zu erdulden. Ich mußte mich im Verlauf der Jahre manchmal fragen, wer denn nun der Gemeinere ist; der, der seine Schändlichkeiten an wehrlosen Gefangenen aus- läßt oder der, der sie erträgt. Müßte es nicht eine Grenze geben, eine Grenze nach unten für den Menschen, wo er sagt:Bis hierher und nicht weiter. Jetzt macht mit mir, was ihr wollt; ich mache nicht mehr mit!

Ich erinnerte mich dann wohl an jene Zeit auf dem Schiff im Monsun des Roten Meeres , wie mich bei der Roboterarbeit des Säcke-Überbord-Schmeißens ähnliche Gedanken bewegten. Und heute noch grübele ich immer wieder über die unerklärliche Tatsache nach, daß es für den Menschen nach unten keine * Grenzen gibt, in der grauenhaften Bereitschaft Böses zu tun sowohl als auch in der Bereitschaft, Böses bis über die Möglichkeiten des Menschlichen hinaus zu ertragen. Der Selbsterhaltungstrieb im Menschen betäubt alle anderen Triebe und Regungen; er setzt sich gegen Vernunft und Ehrgefühl gerade dann durch, wenn der Lebenswille bereits im hohen Maße ausgeschaltet ist. Ein Selbstmord findet nicht so bald in einer völlig ausweglosen Lebenslage statt als dann, wenn noch eine Chance für den Menschen besteht. Wenn die Unterdrückung und Gefährdung des Menschen am stärksten ist, kämpft er meistens am zähesten und erbittertsten.

Morgens, mittags und abends war Appell auf dem Appellplatz. Das ging so vor sich: der Blockälteste marschierte mit seinem Block in Reih und Glied auf dem Platz auf. So ein Block nach dem andern, bis alle versammelt waren. Kommandos:Block vierzehn stillgestanden! Mützen ab! Augen rechts! Und der Blockälteste meldete in strammer Haltung seinem Blockführer etwa:Block

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