Zu Mittag hieß es Essen fassen. Ich wurde mit ein paar anderen angewiesen, die Kessel herbeizutragen. Die Küche lag ziemlich weit entfernt. Es war keine Kleinigkeit, einen Essenträger mit fünfzig Liter Inhalt die Treppe hinunter nach unserem Block zu schleppen. Das konnten nur kräftige Leute tun. Gar mancher war zu schwach dazu und mußte sich furchtbar abplagen. Manchmal überstieg es seine Kräfte, er sank erschöpft zu Boden. Dann wurde er mitleidslos vom Knüppel des Wachmannes aufgejagt und gezwungen, mit seiner Last weiterzukeuchen.
Wir bekamen jeder einen Schöpflöffel voll Kraut in unseren Blechnapf und schlangen das Essen gierig hinunter. Ein Sättigungsgefühl hatten wir nicht, aber wir dachten heute gar nicht ans Essen, sondern nur daran, ein wenig Ruhe zu bekommen. Einzelne kauerten sich ermattet in eine Ecke oder sonstwo am Boden hin. Aber sie wurden bald wieder aufgestört. Abräumen, Geschirr säubern, Kessel zurückbringen. Stubendienst. Es war dafür gesorgt, daß man hier keinen Augenblick zur Ruhe kam.
Nachmittags wieder Exerzieren und militärische Übungen. Grüßen lernen und Mützen ab!"
Das war ein gefürchtetes Kommando, um das sich schon Tragödien abgespielt hatten. Wenn es ertönte, mußte die Hand wie der Blitz nach dem Kopf fahren und die Mütze herunterreißen, mit einem leichten Schlag gegen den Schenkel. Ruck- Zuck! Hände an die Hosennaht und keinen Hauch einer Bewegung mehr. Es war üblich, daß diese Übung stundenlang eingepaukt wurde, obwohl sie in der ersten Viertelstunde oft besser ging als zwei Stunden später. Pausenlos wurden wir auf dem Hof herumgehetzt, unterbrochen von dem Kommando Stillgestanden! Richt euch! Mützen ab!" Wehe, wer auffiel! Er wurde eine halbe Stunde lang besonders behandelt. Einige von uns wurden so überanstrengt, daß sie bewußtlos wurden oder schwer erschöpft liegen blieben. Dann mußten Häftlinge einen Kübel kalten Wassers über den Erschöpften ausgießen, bis er wieder zu sich kam. Oder traktierte ihn der Rohling selber mit Fußtritten.
Dieser ins Maẞlose übersteigerte Kommisdrill ging vierzehn Tage lang so fort. Wir fühlten uns nicht mehr als Menschen; in uns war eine Mechanik wie in Maschinen, leb- und gefühllos setzten wir uns auf Befehl in Bewegung; wir
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