und verloren. Keiner kümmerte sich um den andern. Nichts, gar nichts wurde für den Menschen getan. Alles für den Kanal. Für den Kanal, der die Reichen mästete und die Armen verenden ließ.
Täglich kamen neue Herden von Menschen aus aller Herren Länder an. Arbeiter, die auf guten Verdienst rechneten, Abenteurer, verkrachte Existenzen, Ausgestoßene der Gesellschaft, Deserteure, Glücksritter, Gestrandete, Verzweifelte, Mörder und Verbrecher. Hier wurde keiner abgewiesen und verstoßen, sie wurden gern aufgenommen, alle gleich gemacht. Die grausamen Lebensbedingungen rissen furchtbare Lücken in ihre Reihen. Das mörderische Klima, zwölf Stunden Arbeit täglich in Fieberdampf und Sonnenbrand, schlechtes Essen, ungesundes Wasser, das gab Krankheiten, Typhus , Malaria, räumte schrecklich unter den Unglücklichen auf. Verzweiflung führte zu Meutereien, die grausam und mit brutaler Gewalt niedergeschlagen wurden. Massenflucht. Unsicher das Land durch Vagabunden, von denen viele in der Wildnis umkamen.
Unfälle, Morde, Verbrechen, Willkürakte, wilde Ausschweifungen. Baracken verpestet und verseucht. Epidemien raffen Hunderte hinweg. Syphilis richtet Verheerungen an. Verseuchte Weiber ruinieren die Männer. Ein Labyrinth des Todes und des Grauens.
Aber der Kanal gedeiht und lebt. Und mit ihm die großen Unternehmer. Der Präsident der Bank von Frankreich sieht sich die Sache einmal an; Kommissionen erscheinen, Politiker, Industrielle, Großkaufleute, Bankiers. Ein wildes Geschäftemachen und Intrigenspiel gruppiert sich in aller Welt um den Kanal. Alles drängt heran, will das große Spiel mitmachen, schaut hypnotisiert nach der Riesenschlange zwischen zwei Weltmeeren."
Wieder schweigt der Erzähler lange, trinkt, raucht, stiert wie gebannt vor sich hin, schließlich setzt er zögernd seine Beichte fort:
,, Auch ich gehörte zu den Süchtigen, die dem Phantom nachjagten, durch den Kanal groß zu werden, ein Reicher und Mächtiger dieser Welt. Ich war ein Besessener der Arbeit, nichts als das Werk war in mir, ihm gehörte mein ganzes Sein, meine Liebe. Meine Liebe? Meine erste große Leidenschaft hatte meiner Frau gegolten. Ich liebte sie abgöttisch. In mir war alles bereit, das Äußerste zu leisten, um ihr die Welt zu Füßen zu legen. Ich arbeitete
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