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Weltreise nach Dachau : ein Tatsachenbericht nach den Erlebnissen des Weltreisenden und ehemaligen politischen Häftlings / Max Wittmann ; aufgezeichnet von Erich Kunter
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aus Leidenschaft zu meiner Frau. Dann arbeitete ich aus Leidenschaft zum Werk. Aber die eine Leidenschaft verdrängte nicht die andere. Im Gegenteil: beide vereinigten sich zu einer großen Flamme, die immer stärker und macht­voller brannte. Ich wurde einer der ersten Ingenieure des Werkes, Berater in der Betriebsleitung, in meinen Händen liefen schließlich die Fäden der großen Politik und Wirtschaft zusammen. Ich stand vor den höchsten Gipfeln irdischer Möglichkeiten.

Aber meine Frau betrachtete das anders. Sie wollte nicht Reichtum, Macht und Ehren, sie wollte mich. Und sie sah, daß das Werk mich ihr fortnahm. Sie glaubte auch zu beobachten, daß meine Gesundheit untergraben wurde, und daß mich das Werk vielleicht verbrauchen würde wie so viele andere. Was weiß ich, was alles in ihr vorgegangen ist, welche Gedanken und Ge­fühle sie bewegten. Sie sah, daß sie mich nicht würde bestimmen können, die Arbeit aufzugeben, sie sah ein, daß ein Kapitän eben auf seinem Schiff bleiben muß. Sie mußte sich wohl einsam und unnütz fühlen. Wie es aber auch gewesen sein mag: kurz, sie erklärte eines Tages, daß sie auch mitarbeiten wolle und bereits einen Posten als Krankenschwester in einer der Kranken­baracken angenommen habe. Ich war bestürzt, versuchte ihr die ,, fixe Idee", wie ich es nannte, auszureden, sie wenigstens zur Annahme einer anderen Tätigkeit zu bewegen. Vergeblich. Sie blieb schon darum bei ihrem Vorhaben, weil in jenen Tagen mein Bruder in die Krankenstation eingeliefert worden war. Sie hatte sich gleich seiner Pflege angenommen.

Mein Bruder starb an der Seuche. Ebenso mein einziger Freund, der kurz darauf eingeliefert wurde. Beide hatte ich zur Mitarbeit überredet, dazu ge­bracht, in diesem Dorado des Satans ihre Lebenskraft zu verzehren.

Und ich will es kurz machen

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nach einiger Zeit wurde auch meine

tapfere Frau von der Seuche ergriffen und ging dahin."

Mister Taft verstummte in schmerzlicher Versunkenheit.

Er war der einzige Überlebende in diesem Drama gewesen, sofern man ein menschliches Wrack als Überlebenden bezeichnen kann. Das Schicksal hatte ihn zerbrochen, ihm den Sinn seines Lebens genommen.

Die Natur hatte ihren Tribut verlangt dafür, daß sie hier gezwungen wurde, ein Zugeständnis an den Menschen zu machen. Der Mensch hatte der Natur

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