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Weltreise nach Dachau : ein Tatsachenbericht nach den Erlebnissen des Weltreisenden und ehemaligen politischen Häftlings / Max Wittmann ; aufgezeichnet von Erich Kunter
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und schüttelte ich meinen Gefährten, trommelte mit den Fäusten auf ihn ein, stieß und trat ihn. Er war unempfindlich, rührte sich nicht.

Meine Sinne verwirrten sich, ich konnte nicht mehr klar denken. Was ich nun tat, war nicht mehr folgerichtig durchdacht, sondern nur noch willkür­lichen, instinktiven Regungen entspringend. Ich nahm aus dem Gehölz einen langen dürren Ast und befestigte daran ein großes Tuch, einen Fetzen, den ich aus einem Gepäckstück herausriß. Diese Fahnenstange stieß ich in den Boden. Ich nahm mir vor, hierher spätestens bis zum Abend zurückzukehren. Dann machte ich mich auf.

Ich lenkte meine Schritte dem Hügel zu, schleppte mich mühsam hinauf, es ging von dort eine Mulde hinunter, die diesseits kahl und felsig war, jenseits aber mit Gesträuch bewachsen. Und auf dem jenseitigen Hügelrücken glaubte ich so etwas wie Pflanzenwuchs zu entdecken.

Der Funken Hoffnung genügte, um mich von neuem anzuspornen. Ich schritt aus, rutschte am Hang hinunter, durchquerte die Mulde, klomm an dem sanfteren Hang auf der anderen Seite empor. Meine Glieder schmerzten. Meine Brust brannte wie eine tiefe Wunde; der Schlund schien mir ein glühen­der Krater zu sein. Der Durst brannte mein Inneres aus; es war mir, als würden mir mit glühenden Zangen die Eingeweide ausgebohrt.

Auf dem Hügel angekommen, stand ich im ersten Augenblick wie gebannt in froher Überraschung. Ein Zauberer hatte vor mir Bäume, einen Flußlauf und Wiesen hingebreitet. Und dort dort fuhr ein Wagen, ein Planenwagen mit zwei Pferden davor, eine schmale Straße am Flußrand entlang. Ein berücken­des Bild.

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Ich schrie wild und winkte, stürzte den Berghang hinab, taumelte, fiel, rollte hinunter, konnte mich nicht mehr erheben, ich hatte mir das Fußgelenk ver­staucht. Der Wagen fuhr weiter. Die Insassen hatten mich nicht bemerkt. Im selben Augenblick befiel mich tiefste Niedergeschlagenheit. Ich war im Moment fest überzeugt, daß es sich nur wieder um eine Luftspiegelung handele, und daß nun das Ende gekommen sei. Aber nach Minuten raffte ich mich wieder auf. Ich sah Bäume und Wasserlauf noch vor mir. Von einer wahren Panik gejagt, lief ich geradezu, der Schmerzen im Fußgelenk nicht achtend. Rasch zupacken, ehe der Satanszauber entschwand, vielleicht konnte ich den Teufel überlisten und ihm seinen Spuk zur Wirklichkeit abnehmen.

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