Die sengende Sonne ließ mich aus der Betäubung aufstehen.„ Verdursten!" Dies einzige Wort hämmerte unablässig in mir und gab mir neuen Auftrieb, ungeahnte Kräfte. Mein Körper spannte sich im eisernen Willen:„ Solange noch ein Funken Leben in mir ist, gebe ich mich nicht verloren, lasse ich nicht nach!" Die Maschine des Körpers funktionierte noch tadellos. Also weiter! Ich suggerierte mir den Durst weg, versuchte mir einzureden, daß ein Mensch eine Woche lang ohne etwas zu trinken leben könne.
Ich trat zu meinem Leidensgenossen. Es gelang mir, den ganz Vernichteten nochmal aufzureißen, seinen Lebenswillen zu wecken. Stöhnend schleppte er sich vorwärts. In den Abendstunden wanderten wir noch ein paar Meilen. Es ging leidlich vorwärts. Mir kam es vor, als ändere sich das Landschaftsbild etwas. Da und dort zeigte sich verkrüppeltes Pflanzenwerk. Wir rissen einige Wurzeln heraus und nagten daran; eine bittere Feuchtigkeit netzte die Lippen, brannte und ätzte, aber es gab doch eine winzige Labsal.
Doch auch der nächste Tag schien keine Erlösung aus der Qual zu bringen. Wir wanderten ein paar Stunden. Es ging schwach bergan. In geringer Entfernung ein langgestreckter Hügel. Am Fußende des Hügels niedriges Gehölz. Mein Kamerad kroch ins Strauchwerk hinein. Ich blieb bei ihm. Er fieberte im Sonnenbrand, stöhnte und schrie, verstummte dann und atmete in halber Bewußtlosigkeit schwer. Ich hatte noch so viel Kontrolle über mich, daß ich mich sozusagen in meinen Fieberphantasien zu beobachten vermochte. Bisweilen hatte ich wieder Halluzinationen, irre Träume, seltsame Gesichter. Die Luftspiegelungen gaukelten mir Bilder fruchtbarer Gegenden vor, Wasser, Wasser. Alles stand greifbar deutlich vor mir. Kühe weideten, ja, ich hörte sogar die Schellen an ihren Hälsen läuten.
Aber es waren leere Luftgespinste. Sobald ich darauf zuging, zerfloß alles in nichts. Am anderen Morgen wollte ich meinen Kameraden auf die Füße zwingen. Er bewegte sich nicht vom Fleck. Ich wartete eine Stunde, zwei. Er stöhnte apathisch vor sich hin, war nicht wegzubringen.
Ich verzweifelte in auswegloser Bedrängnis. Ich konnte den Kameraden hier doch nicht einem furchtbaren Schicksal überlassen! Was sollte ich tun? Ich wußte nicht mehr aus und ein.
Eine Stunde um die andere verging. Die Sonne nahm ihren Lauf bereits auf den Mittag zu. Untätigkeit bedeutete sicheren Tod. Verzweifelt rüttelte
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