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Weltreise nach Dachau : ein Tatsachenbericht nach den Erlebnissen des Weltreisenden und ehemaligen politischen Häftlings / Max Wittmann ; aufgezeichnet von Erich Kunter
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Vergangenheit an, als stiegen aus den Klüften und Abgründen Geister der Urwelt auf.

Am Abend suchten wir uns eine geschützte Stelle, wo wir uns zur Ruhe niederlegten. Zwei Menschlein in der unendlichen Weite, in der einsamen Bergwildnis, von der wir nicht wußten, ob sie uns unser Eindringen in ihre heilige Einsamkeit nicht verargen und uns lebend wieder entlassen würde. In der Ferne klangen dumpfe, langgezogene Töne durch die Nacht. Die schweigsamen Felsen und Berge wurden lebendig. Es war eine unheimlich gespenstige Bewegtheit ringsum.

Geheul und Gekreisch in der Nacht. Wir wußten, es gab hier Geier und die sogenannten Kordillieren- Löwen, eine Gattung Pumas , die dem Menschen gefährlich wird. Wir hatten keine Waffen bei uns als Messer. Wir legten deshalb um unser Lagerfeuer griffbereit schwere Steine, um sie im Notfall als Waffe benützen zu können. Es war Unruhe in mir, trotzdem schlief ich bald ein, die Anstrengungen des Tages waren groß gewesen.

Die Nacht verlief ohne Störung. Fröstelnd machten wir uns morgens unseren Maté- Tee und weichten etwas Hartbrot hinein. Nach diesem schmalen Früh­stück setzten wir unseren Marsch fort.

Das ging so einen Tag wie den anderen. Monoton, einförmig den vor­geschriebenen, endlosen Pfad durch die Gebirgseinöde. Wir waren Gefangene einer schrecklichen, gnadenlosen Welt aus der Vorzeit. Wann würden wir der Freiheit zurückgegeben werden?

Wir zählten die Tage und Stunden unserer Gefangenschaft ab, rechneten aus, daß wir bereits über die Hälfte hinter uns hatten; es konnten doch nur mehr drei, vier Tage sein, dann mußten wir die hemmende Wand zu Freiheit und Leben durchbrochen haben.

Aber es zeigten sich nicht die geringsten Anzeichen für eine nahende Ver­änderung des Landschaftsbildes, keine beginnende Vegetation, kein Hauch aus einer vertrauteren Welt wehte uns an.

Wir begannen unruhig zu werden. Nach unseren Berechnungen war es Zeit, daß wir in die jenseitigen Täler gelangten. Aber der Tag kam und ging und mit ihm das ewig gleiche Bild. Hatten wir einen Gebirgszug überwunden, so erschien gleich dahinter noch drohender und feindseliger, braun, dunkel, bis­weilen vielfarbig in der Sonne blinkend, das nächste Gebirgsmassiv. Das faszi­

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