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Weltreise nach Dachau : ein Tatsachenbericht nach den Erlebnissen des Weltreisenden und ehemaligen politischen Häftlings / Max Wittmann ; aufgezeichnet von Erich Kunter
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nierende Farbenspiel der Berge im Sonnenlicht rührte von den Mineralien und Erzen her, die teils offen zutage traten.

Wieder und immer wieder dasselbe. Narrte uns ein Spuk, hatten wir uns gar verirrt? Zu unserem Schrecken sahen wir, daß unser Wasservorrat zu Ende ging. Wir streckten die lebenspendenden Tropfen aufs äußerste. Wir schmachteten in der Sonnenhitze, dachten qualvoll an den Kanister und wagten nicht, ihn zu betasten in der Gewißheit, daß er über Leben und Tod entschied. Aber es kostete unvermeidlich auch den letzten Tropfen. Und doch deutete kein Silberstreif am Horizont, kein Wiesenstreif im Gebirgstal, das Ende unserer Wanderung durch die Todeswildnis an.

Am nächsten Tag gingen wir in die furchtbare Hölle des Durstes ein. Ich weiß heute nicht, in welcher von den Höllen, durch die ich in meinem Leben hindurchmußte, es am schrecklichsten war: in der Hölle des Monsun, des Urwaldes, des Durstes in den Kordillieren oder in der furchtbaren Menschen­hölle des Konzentrationslagers; nur so viel weiß ich, daß die Höllenqualen des Durstes die unerträglichsten von allen Höllenqualen sind.

Wir marschierten auf einem ebenen, steinigen Plateau, weithin nur graue, kahle Wüste, kein Baum, auch kein Berg, nicht mal ein Wüstensee. Erst in der Ferne wieder ein Gebirgszug. Die Sonne brannte brutal. Wir hatten einen schattigen Ort ausgemacht und lagen in der großen Tageshitze verschmachtend und schwer atmend. In der Nacht öffneten wir den Mund weit, um die Kühle einzusaugen, die wenigstens ein klein wenig erfrischend wirkte. Wir fanden kaum Schlaf, wir waren voller Entsetzen und Verzweiflung, wie wir den nächsten Tag überstehen sollten, wenn wir kein Wasser fanden, oder keinen Menschen, der uns erlabte.

Wir irrten durch den nächsten Tag. Gab es keinen Ausweg aus diesem Labyrinth? Zweifellos waren wir fehlgegangen, wanderten wohl im Kreise herum. Panik befiel uns zeitweise. Mein Gefährte rannte plötzlich auf und davon, hunderte Meter voraus, streckte dann beide Arme in die Luft und fiel wie ein Baum um. Ich erschrak; war er tot, war ich allein in dieser grauenhaften Wildnis? Er war nur ohnmächtig, kam wieder zu sich. Sprechen konnten wir nicht miteinander. Die Zunge war dick geschwollen und lag wie ein brandiger Ball im Mund. Mühsam lallten wir ein notwendiges Wort der Verständigung hervor. Nicht verrecken! Durch!" stammelte ich ihm mit

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