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Hinter einem Verschlag, abgeteilt von dem großen Gefängnisraum, war eine Art Zelt hergerichtet, in dem unser Boß", der Vorsteher unseres idyllischen Gemeinwesens, schlief und hauste; eben jener herkulische Brasilianer, der mich tags zuvor so freundlich empfangen hatte.
Die Essenszeiten waren regelmäßig wüste Szenen, die jeweils in wildes und übles Handgemenge ausarteten.
In dieser Hinsicht mußte ich es begrüßen, daß es am Tag nur einmal Essen gab. Es bestand meistens aus Maniokamehl und roten Bohnen und wurde in einem großen verbeulten Kessel gebracht. Zuerst profitierten der„ Gefängnisdirektor" mit seinen Spießgesellen davon, diese gefräßigen Ungeheuer, die ganz sicher genug nahrhafte und gute Dinge tagsüber verschlangen und darum nicht auf diesen Fraß angewiesen waren. Was sie übrig ließen, stellten sie in die Mitte des Kellers. Dann fielen die Gefangenen wie die hungrigen Wölfe darüber her, Löffel, Bestecke und Geschirre gab es nicht. Die Kerle langten mit den dreckigen Händen in den Fraß und stopften sich, so gut es ging, das Maul. Sie balgten sich um die Futterkrippe, schlugen und stießen einander und suchten sich gegenseitig den letzten Bissen abzujagen. Es war ein scheußliches Schauspiel.
In dem schauerlichen Gewölbe gab es natürlich nicht nur Landstreicher und schlimmstes Gesindel, sondern sehr oft auch gute Bürgersleute, die durch ähnliches Mißgeschick, wie ich es hatte, hier hereingerieten. So machte ich die Bekanntschaft eines Ingenieurs und eines schwedischen Seemannes. Wir vereinbarten, daß derjenige, der zuerst aus diesem Saustall herauskomme, sofort die nötigen Schritte unternehmen solle, um die andern zu befreien.
Der erste, der von uns dreien Glück hatte, war der Ingenieur.
Am Tage darauf wurde vom Boß mein Name aufgerufen. Er brummte etwas und dann öffnete mir einer der Neger das Tor.
Meine Wirtin erwartete mich draußen. Sie war in großer Unruhe um mich gewesen und hatte sich mancherlei Gedanken gemacht, wo ich sei und warum ich ihr, wenn ich etwa eine plötzliche Reise habe antreten müssen, keine Nachricht zukommen ließ. Die Aufklärung der üblen Angelegenheit brachte mir eine neue böse Überraschung.
Was war denn nur mit Ihnen los?" wollte meine Wirtin wissen, ,, und warum haben Sie von Max Ihre Sachen holen lassen?"
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