Kerle stellten mich förmlich auf den Kopf, drehten meine Taschen nach Geld und Wertsachen um, knufften und traten mich und stießen mich endlich in eine Ecke. Dort blieb ich auf dem schmutzigen Boden liegen, schlief aber sofort ein und wachte trotz der ungemütlichen Lage nicht so bald wieder auf.
Am Morgen sah ich nun die Bescherung. Ich war im Gefängnis von Santos. Das war eine Stätte des Grauens, an die ich mein Lebtag mit Schrecken zurückdenken werde, obwohl ich später in der„ Hölle" noch viel Schlimmeres erlebte.
Ich wartete vergebens, daß irgend jemand sich um mich kümmerte oder daß ich zu einem Verhör gerufen wurde. Es gab auch niemand, an den man sich wenden konnte. Man war hier völlig sich selbst und seinem Schicksal überlassen. Die beliebteste Methode der Untersuchung und Weiterführung des Prozesses gegen die Gefangenen bestand, wie ich heute mutmaße, darin, zu warten, bis ein Angehöriger oder sonst jemand kam, der einen Gefangenen auslöste.
In dem großen, wüst aussehenden Kellerraum waren etwa siebzig Personen untergebracht. Ein paar zerlumpte Decken und Holzgestelle, daraus bestand das ganze ,, Inventar". Alles voller Dreck und Unrat. Ich ekelte mich sehr. Der Gestank in diesem Gefängnis benahm einem den Atem. Das Aussehen der meisten Mitinsassen war übel und abstoßend. In einer Ecke saßen in Lumpen ein paar Verrückte. Wovon sie verrückt geworden waren, erfuhr ich nicht, vielleicht von der Sonne, vielleicht vom Schnaps, vielleicht von der Lustseuche oder von sonstwas. Neben mir saßen und lagen ebenso üble Gestalten herum, die eifrig auf der Läusejagd waren. Im ersten Moment wußte ich nicht, was sie suchten, aber es sollte nicht lange dauern, so spürte ich es und suchte selbst. So ist das Auf und Ab des Lebens. Heute elegant und respektiert in der großen Gesellschaft, morgen unter Lumpengesindel auf der Läusejagd im Polizeigefängnis!
Die Wände waren getüncht von den Blutspritzern der Wanzen. Das Ungeziefer war hier die schrecklichste Plage. Jede Minute wurde mir zur Qual, die Stunden dehnten sich zu höllischen Ewigkeiten. Wie lange mußte ich in dieser Schreckenskammer aushalten, einen Tag, zwei, drei? Drei Tage, es war unvorstellbar. Es sollten zehn Tage werden! Manchmal hätte ich gern mein Gefängnis mit dem Urwald vertauscht.
Kunter- Wittmann, Weltreise 6
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