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Weltreise nach Dachau : ein Tatsachenbericht nach den Erlebnissen des Weltreisenden und ehemaligen politischen Häftlings / Max Wittmann ; aufgezeichnet von Erich Kunter
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,, Da nützten ihm dann alle Schätze nichts mehr", sagte ich skeptisch. ,, Mir ist mein Leben lieber als so unsichere Möglichkeiten. Die Welt ist so reich und steht mir zur Verfügung. Was brauche ich den zusammengestohlenen Sachen der alten Seeräuber nachjagen!"

Aber er ließ sich durch meine nüchterne Zwischenbemerkung nicht beirren. Er zog Karten und Tabellen hervor und suchte mir zu beweisen, daß wir es dem Grafen von Monte Christo gleichtun könnten und märchenhafte Schätze heimbringen würden. Die Erzählung war der Phantasie eines Edgar Allan Poe würdig. Er behauptete, einen Totenkopf gefunden zu haben, der in einer mystischen Arithmetik das Geheimnis der Verstecke berge, und daß er den Schlüssel des Totenkopf- Geheimnisses entdeckt habe. Er brachte mathematische Gleichungen und magische Formeln herbei, daß es mir von alledem ganz dumm im Kopf wurde. Und doch wieder fesselte mich sein Gespräch. Ich hörte ihm gern und willig zu. Und ich hatte das Gefühl, es war ihm mehr daran gelegen, einen zu finden, der ihm in seiner Kaschaẞ- Rauschstimmung zuhörte, als daran, daß er seine Träume und die kühnen Pläne in die Tat umsetzte.

Der Morgen graute bereits, als ich ihn einmal nach so einer rausch- und phantasieglühenden Nacht verließ. Mein Kopf brummte. Ich beschloß, noch ein wenig ins Freie zu gehen, um wieder einen klaren Kopf zu bekommen und schritt langsam durch die Hafenanlagen dahin. Mein Blick schweifte über die unabsehbaren Kaffeelager. Erstaunt blieb ich plötzlich stehen. Ein un­gewöhnlicher Anblick bot sich mir. Auf einem Haufen Gerümpel lag ein völlig nackter Mann. Ich dachte im ersten Augenblick an eine Mordtat, überzeugte mich dann aber, daß der Mann fest schlief. Es war unschwer zu erkennen, wie der Mann in eine solche Lage gekommen war. Man hatte ihn zweifellos betrunken gemacht und ausgeplündert. Ich hielt Umschau und konnte einen Händler, der mit einem kleinen Lastwagen zur Stadt fuhr, bewegen, gegen Geld und gute Worte das Opfer des Alkohols in meine Wohnung zu bringen. Auf dem Auto befand sich eine Decke, in die wir ihn einwickelten.

Inzwischen war der Mann zu sich gekommen. Ich fragte ihn: ,, What coun­tryman are you?"

,, Deutscher", erwiderte er.

,, Na, du bist mir ein schöner Landsmann", sagte ich. ,, In dem Zustand kann man keine Ehre mit dir einlegen."

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