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Weltreise nach Dachau : ein Tatsachenbericht nach den Erlebnissen des Weltreisenden und ehemaligen politischen Häftlings / Max Wittmann ; aufgezeichnet von Erich Kunter
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weiẞleuchtendes Röckchen, phosphoresziert, zerrinnt süß und schön und stinkt plötzlich so schrecklich, daß einem die Sinne vergehen.

Gigantische, verführerische Wasserrosen auf den Teichen, denen schon mancher Blumenjäger zum Opfer gefallen ist, der sich in die tückischen Wasser vorwagte. Unwahrscheinlich schöne, schillernde, farbenbunte, leuchtende Blu­men, ganze Wogen und Wolken von Farben und Blüten. Dazu die bunt­scheckige Tierwelt, die Falter und Kolibris, die wie ein Duft oder wie ein farbiger Pinselstrich sind, Myriaden von Ameisen, Mücken, Insekten, Käfern. Das ohrenbetäubende Geschrei der Affen, die durch die Bäume klettern, ,, Strickleitern" und" Affentreppen" im Baumnetz, der verhexte Wald voller Phantasmagorien.

Viel größer aber als die Wunder dieser Urwelt sind deren Schrecken. Auf Schritt und Tritt lauert der Tod. Giftschlangen, giftige Insekten, wilde Tiere. Fieberschwangere Tropendünste bedrohen den Menschen ebenso wie die unheilvollen Nebel, die durch die Wälder ziehen. Millionen von Fliegen, In­sekten und Spinnen bedrängen den Eindringling. Es ist eine wahre Hölle. Ja, hier liegen wahrlich Paradies und Hölle unmittelbar beieinander. Ich kann nicht begreifen, wie in diesem schrecklichen Wald ein Mensch mehrere Wochen leben kann, ohne den Verstand zu verlieren. Hier, wo alles unserer Vor­stellungswelt entrückt ist, muß ja die ganze Grundlage unseres Denkens sich verändern, man muß jedes gewöhnlichen Maßstabes verlustig gehen, im wahr­sten Sinne des Wortes ,, verrückt" werden.

Wir drangen tiefer in den Busch ein. Aber ich war glücklich, daß es nicht lange so weiterging. Wir kamen bald an eine Rodung. Das grüne Laubdach war verschwunden, der Himmel sah herein. Ich blickte zu ihm auf wie ein Gefangener, der soeben aus dem Gefängnis entlassen wurde.

Ich gewahrte nach und nach ein paar Hütten, aus Farnen, Laub und Gras kunstlos gebaut. Es war eine Indiosiedlung. Nur ein paar Familien wohnten hier beieinander. Wahrscheinlich nomadisieren die Indios, denn an eine Seẞ­haftigkeit ist in diesem Urwald wohl nicht zu denken.

Kinder tummeln sich umher, Weiber sind geschäftig. Sie bleiben in respekt­voller Entfernung, drängen aber neugierig nach.

Wir treten in eine Hütte ein. Sie ist ganz primitiv eingerichtet. Felle und Matten, allerlei Jagd- und Hausgerät, ein Holzgestell. Einige Löcher in den

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