,, Urwald" in einem aus. Hier war ich nun unmittelbar bei ihm. Seine magische Kraft zog mich unwiderstehlich an. Es war wie ein hypnotischer Zwang, der mich zu ihm hinzog. Ich war vollkommen überwältigt, eine gänzliche Sinnesänderung ging in wenigen Minuten in mir vor. Hätte mich der Wilde jetzt nicht mitnehmen wollen, wahrhaftig, ich hätte ihn darum gebeten.
Wir durchbrachen das schreckliche Gestrüpp der Vorzone. Der Indio half mir beständig, trug mich über schwierige Stellen hinweg, warnte mich vor morastigen Plätzen, schlüpfte durch leise Vorhänge aus Algen und Gespinsten, wand sich auf schmalen Pfaden dahin, ich paßte scharf auf, um es ihm nachzumachen. Stundenlang arbeiteten wir mit der Machete, bahnten uns eine Gasse durch das unentwirrbare Dickicht und die Gehege der monströsen Urwaldbäume.
Hier gibt es nur Arbeit und entsetzliche Mühen, so daß man nicht dazukommt, die Wunder der neuen Umgebung zu beachten. Erst in einer Ruhestunde erschloß sich mein Bewußtsein den neuen Eindrücken.
Eine gigantische und phantastische Urweltbühne. Da sind Bilder und Formen, Pflanzen und Dinge, Elemente und Erscheinungen, die noch niemand gedacht und gewußt hat, noch niemand in seiner Phantasie ausmalte. In der weiten menschlichen Vorstellungswelt existiert all dies überhaupt nicht. Man kann es auch nicht in Worten ausdrücken. Man müßte wahrscheinlich einen weiteren Sinn haben, ein anderes Bewußtsein, um das begreifen und erleben zu können, um zu spüren, daß es über unsere Wirklichkeit hinaus noch diese Wirklichkeit gibt, die unheimlich aus Urtiefen aufsteigt und ihre eigenen Gesetze hat, die vielleicht tiefer mit dem Geheimnis des Universums verbunden ist als all das, was wir denken, schauen und wahrnehmen können. Die glühend- phantastische Stunde mit Freund Fritz in Genua kam mir in den Sinn. Hatte er sich wirklich in seinen Phantasien zu weit von der Wahrheit entfernt? Wuchs angesichts dieser Tatsachen nicht die Wahrscheinlichkeit seiner abgründigen Grübeleien und seiner übersinnigen Gedankenspielereien?
Eine Welt voll Riesenbäume, Blattdächer, Schlingpflanzen, Blumen, Grasteppichen, alles überschüttet mit einem Gerinsel von Farben und Stimmungen, Schatten und Lichtern, Strahlungen und ungeahnten Bildern. Wie Gletscher gleiten die Gras- und Blättergeflechte über die Baumriesen dahin, Blüten rieseln wie ein Wasserfall herunter. Ein betäubendes Farbenmeer grelleuchtender
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