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Weltreise nach Dachau : ein Tatsachenbericht nach den Erlebnissen des Weltreisenden und ehemaligen politischen Häftlings / Max Wittmann ; aufgezeichnet von Erich Kunter
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Urwald

Der kalte Angstschweiß war mir aus den Poren getreten. Ich war über und über naß, diesmal nicht vom Regen. Es war mir unmöglich, mich zu erheben. Der Schrecken saß mir wie ein Bleigewicht in den Gliedern. Der Wilde rieb| mich ab, sprach mir freundlich zu und deckte wieder das Fell über mich. Schlafen konnte ich nicht mehr, aber ich gab mich ganz einer wohltätigen Ruhe und Entspannung hin. So lag ich langgestreckt, tiefatmend, bisweilen stöhnte ich auf unter der Nachwirkung des gräßlichen Erlebnisses.

Der Indio wachte treu und geduldig an meinem Lager.

Endlich erhob ich mich. Tief gerührt drückte ich meinem Retter in der Not die Hand. Er verstand meine überquellende Dankbarkeit.-Ein brüderlicher Mensch in der Wildnis, ein rassefremder, mißachteter Indianer hatte mir hier einen Dienst erwiesen, der mich ihm tief verpflichtete. Ja, auch die schreck- lichste Wildnis und Verlorenheit kann zur schönen Erinnerung, zum tiefen menschlichen Erlebnis werden, wenn uns ein wahrer Menschenbruder begegnet.

Der Indio gab mir nun durch Zeichen zu verstehen, daß ich ihm folgen solle. Ich wehrte entsetzt ab. Ich ihm in den Urwald folgen? Lieber wäre ich mit ihm durch die Hölle gegangen. Es schauderte mich, wenn ich nur daran dachte. Er ließ jedoch nicht ab mit Bitten und Betteln. Aus seinem Gehaben glaubte ich zu verstehen, daß wir nicht tief ins Innere des Waldes vordringen würden, und daß ich ihm einen ‚Dienst erweisen solle. Dann werde er mich unbehelligt wieder aus dem Busch herausführen.

Mein Vertrauen zu dem Wilden überwog schließlich meine Bedenken und mein Grauen. Auch reizte es mich, das Geheimnis dieser Urwelt ein wenig zu ergründen. Welch ein eigentümliches Empfinden löste allein schon das Wort|

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