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Weltreise nach Dachau : ein Tatsachenbericht nach den Erlebnissen des Weltreisenden und ehemaligen politischen Häftlings / Max Wittmann ; aufgezeichnet von Erich Kunter
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und mich festhalten, damit ich nicht hinweggespült wurde. Es war wie eine UÜberschwemmung. Ein Wassergestöber, Regenorkan, eine Sintflut. Ich dachte, mein letztes Stündlein habe geschlagen. Zum Glück entdeckte ich auf meinem Hügel einen kleinen, höhlenartigen Vorsprung, in den ich mich hineinducken konnte, und so fand ich Schutz gegen die geöffneten Schleusen des Himmels.

Es fror mich jämmerlich in den völlig durchnäßten Kleidern. Ebenso un- vermittelt, wie der Regen gekommen war, hörte er aber wieder auf. Und sofort brannte die Sonne in unverminderter Kraft hernieder. Die Erde dampfte. Es war eine schreckliche Schwüle, die einem den Angstschweiß zu den Poren heraustrieb. Ich legte mich in den Schatten eines Baumes und schlief tod- müde und erschöpft alsbald ein.

Wahrscheinlich hatte ich viele Stunden fest geschlafen. Mein Erwachen war eher ein langsames Zusichkommen aus dumpfer Betäubung. Ich hatte meine Augen noch nicht aufgeschlagen, meine Glieder streckten sich unbehaglich, mein Kopf schmerzte,. es lastete ein Druck auf mir. Plötzlich hatte ich das schreckhafte Gefühl, als laure Gefahr nebenan, als sei da irgendetwas in meiner nächsten Nähe nicht geheuer. Ich wagte zunächst die Augen nicht zu öffnen. Mein Herz stockte und schlug dann rasend schnell, der Atem hielt zurück. Ich war auf einmal hellwach, alle meine Sinne waren gespannt. Ich lugte schließlich scharf aus spaltenweit geöffneten Augenlidern hervor. Vor mir stand ein Mann, wild und häßlich, splitternackt. Ein Indianer. Er hielt mein Buschmesser in der Hand, betrachtete mich aufmerksam und unentwegt. Ich beobachtete ihn lange durch den engen Sehschlitz, ohne mich zu rühren. Es war eine qualvolle Spannung. Was war das für eine Wilder? Lauerte er nicht tückisch, um sich im geeigneten Moment auf mich zu stürzen und zu massakrieren? Wozu hatte er sonst meine Machete entwendet? Was hatte er vor? Ich konnte mir nicht anders denken, als daß er sich in feindlicher Absicht mir genähert hatte. Ich hatte gelesen, daß die meisten Indianerstämme in den brasilianischen Urwäldern den Weißen feindlich gesinnt sind. Es sind ganz primitive Waldmenschen, die sich selbst auf eine Stufe mit den Tieren stellen. Ihre Stämme haben Namen wie Ameisen, Tucans, Leoparden, ja, sogar Ban- hunas, das heißt Menschenfresser. Sie bemalen sich buntscheckig wie Raub- tiere, um sich bei ihren Kopfjägereien und Menschenfressereien unsjchtbar anschleichen zu können. Ja, es gibt tatsächlich in diesem Urwald noch Men-

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