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Weltreise nach Dachau : ein Tatsachenbericht nach den Erlebnissen des Weltreisenden und ehemaligen politischen Häftlings / Max Wittmann ; aufgezeichnet von Erich Kunter
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dieses Erdteils durchzogen hatten, ich studierte genau die Pläne und Beschrei­bungen der Goldsucher, stellte an Hand von Karten die Minen fest, die jetzt verlassen lagen, die Stellen, an denen Diamanten gefunden worden waren und legte auf dies hin einen genauen Reiseplan ins Innere Brasiliens an. Mein Ziel war Cuyabá, das auf dem Plateau des Matto Grosso liegt. Ich wollte so weit wie möglich mit der Bahn ins Innere des Landes fahren, bis dahin, wo die Natur und das Ende menschlicher Zivilisation und menschlicher Niederlassungs­möglichkeiten keine Schienenwege mehr zuläßt.

Ich fuhr zuerst mit der Zahnradbahn zur Höhe nach Petropolis hinauf, einem schmucken, sauberen Ort, der wie ein Badeort in Deutschland anmutet. Er wurde von Deutschen gegründet. Grüne Wiesen umgeben die hübschen Häuschen; es läßt sich gut leben hier auf den luftigen Bergeshöhen. Weit hinten im Dunst der Täler liegt die Stadt Rio.

Von dort aus ging es mit der Bahn weiter, viele hundert Meilen ins Land hinein. Von der Endstation Goyaz brach ich in Richtung Cuyabá auf. Mich am Stande der Sonne und mit Hilfe des Kompaẞ orientierend, hielt ich die vorgeschriebene Richtung ein. Ich hatte immer einen gewissen Trinkvorrat bei mir, brauchte ihn aber nicht. In den ersten Tagen kam ich durch Wiesen- und Steppenland. Es gab Früchte und wasserhaltige Kräuter. Streckenweise wurde das Land wüstenartig. Geröll, Felsen, dann wieder Morast und Sumpf. Bis­weilen hatte die Gegend urwaldartigen Charakter. Vom eigentlichen Urwald hielt ich mich geflissentlich fern. Ich bewegte mich im großen und ganzen an der Grenze der riesigen Urwaldgebiete Brasiliens , konnte sie aber nicht ganz umgehen. Der Busch mußte da und dort durchbrochen werden. Das erste Gefühl, das ich beim Betreten des Urwalds hatte, war Angst und Beklemmung. Eine seltsame und furchtbare Welt tut sich da auf. Man spürt, hier ist eine barbarische Natur, die nie von Menschen bezwungen werden wird. Dieser Wald ist wild und brutal. Mit einer unbändigen Lebenskraft setzt er sich durch, kampfbereit, immer bestrebt, sich auszubreiten. Er ist nie auszu­rotten, urbar zu machen. Wenn man ihn niederbrennt, ausrodet, sprieẞt er bereits wieder auf, kämpft erbittert um seinen Boden. In den Vorzonen wuchert Gestrüpp und undurchdringliche Wirrnis von riesigen Büschen auf Sumpfboden. Ein krauses Durcheinander von Farnen, Geflechten, sonderbaren Gebilden, grünen Kerzen, Palmen, die sich wie Schrauben in die Luft hinauf­

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