Man funkte dem Schlepper:„ Es kann sich nicht um eine Bergung handeln. Das Schiff ist nur leicht havariert. Das Flottmachen kann unter normalen Umständen erfolgen und birgt für die Schleppermannschaft keinerlei Risiko. Wir bieten die reguläre Pauschalsumme für Abschleppdienste." Der Schlepper erklärte, er könne sich mit unserer Auslegung nicht einverstanden erklären. Es seien die Voraussetzungen für eine Bergung gegeben, nicht aber für Abschleppdienste.
Der Kapitän stand unbeweglich, er fluchte nicht einmal, sein Gesicht war hart wie Stein. Ich beobachtete ihn gespannt. Er rang augenscheinlich mit einem schweren Entschluß. Endlich kam fest und knapp der Befehl aus seinem Munde: ,, Achthundert Tonnen Mehl über Bord! Alle Mann an Deck!"
Was nun folgte, war die schwerste und wüsteste Arbeit meines Lebens. Kaum habe ich jemals später wieder so schuften müssen, auch nicht in der „ Hölle".
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Die ganze Mannschaft, Koch und Küchenjunge nicht ausgeschlossen, mußte heran. Achthundert Tonnen rechnet aus, wieviel Zentnersäcke Mehl das sind. Diese Zentnersäcke mußten erst aus dem Schiffsinnern heraufgeschafft werden. Das Mehl war für Dschidda- Arabien bestimmt.
Der Kapitän rechnete so: durch die Abgabe von achthundert Tonnen Ballast kommt das Schiff einige Fuß höher. Es sitzt nicht fest in der Sandbank, es hat kein Leck, es sickert kein Wasser ein. Die Wahrscheinlichkeit, daß das Schiff nach der Entlastung wieder flott wird, ist groß. Dann kostet das Miẞgeschick den Preis von achthundert Tonnen Mehl, währenddem der Preis für die Bergung durch den Schlepper ungleich höher wäre, denn der Dampfer hatte kostbare australische Wolle geladen.
Ein weißer Strom ergoß sich in das Meer. Es war ein Jammer, zusehen zu müssen, wie diese kostbarste Gabe an den Menschen hier rücksichtslos vernichtet wurde. Das Meer färbte sich weithin weißgrau. Ein Sack nach dem andern rutschte in den Wassermoloch.
Wir schufteten den Tag über und die Nacht hindurch unablässig. Wir wurden zu Maschinen, griffen mechanisch zu, luden auf, luden ab. Die Nerven stumpften ab, nachgerade spürten wir die Schmerzen im Rücken und in den Gliedern nicht mehr, die uns anfangs so quälend befallen hatten. Die Haut war an manchen Stellen aufgeschürft, sie hing in Fetzen herab, die offenen
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