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, Weißt du, auf Fahrten und Reisen nimmt man heutzutage einen Talisman mit; das Stoffmännlein soll mein Talisman sein".
,, Da hätte ich dir einen besseren Talisman", meinte die gute Mutter, die gläubig und gottesfürchtig war." Gottes Wort ist der beste Talisman und Schutz." Sie brachte ein Neues Testament herbei. Gutwillig steckte ich das Büchlein auch noch zu mir.
Ich ging also eines Tages los, wie der Wandersmann der Romantik, den Stab in der Hand, das Ränzel auf dem Rücken.
Tagelang wanderte ich durch das schöne Thüringer Land; dann wieder irgendwo ein paar Tage Arbeit, wie sie sich bietet: bei einem Bauern, bei einem Förster, in einem Betrieb. Hilfe beim Heuen, Holzfällen im Wald, da und dort auf dem Lande Gelegenheitsarbeiten, schlossern, zimmern, flicken, reparieren. Ich habe immer etwas Geld bei mir und bekomme auch Arbeitsund Ausweispapiere. Im allgemeinen führe ich ein freies und ungebundenes Nomadenleben. Das Leben auf der Landstraße ist hart und unbarmherzig, aber ich halte es gut aus, gewöhne mich daran, und es gefällt mir.
Nach wochenlanger Wanderung stand ich eines Tages an der Grenze Deutschlands , ich brach alle Brücken hinter mir ab und wagte den Sprung ins Ungewisse. Die erste Auslandsstation meiner Weltreisen war erreicht.
In Österreich schlug ich mich schlecht und recht durch. Bald stand ich an der italienischen Grenze.„ Einmal ist keinmal." Dies Sprichwort ist unwahr. Was man einmal versucht und getan hat, tut man meist auch ein zweites Mal und immer wieder, bis es zur Gewohnheit wird. Ich wanderte durch das Zillertal nach Italien , natürlich ohne gültige Papiere.
Italien ! Das Land der Träume und der Sehnsucht großer Männer! Ich wage nicht zu schildern, welche Gefühle mich bewegten, wie ich auf den geheiligten Stätten der Kunst und Kultur stand, die vor mir schon so viele Deutsche begeistert hatten. Bisweilen hielt mich ein solcher Ort mehrere Tage fest, mein Gefühl konnte sich nicht davon lösen.
Auf meiner Wanderung stieß ich auf einen Pilgerzug, dem ich mich anschloß. Es war niemand, der Anstoß an meinem Dabeisein genommen hätte. Man betrachtete mich als zugehörig. Und ich fühlte mich wohl in der großen Familie der Pilger, obwohl ich Protestant bin. Das war im Jahre 1925, dem großen Pilgerjahr. Ich sah vieles, was mir nicht gefiel, aber ich erlebte auch
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