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Weltreise nach Dachau : ein Tatsachenbericht nach den Erlebnissen des Weltreisenden und ehemaligen politischen Häftlings / Max Wittmann ; aufgezeichnet von Erich Kunter
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Auftakt

Das brachte eine Verschlechterung der wirtschaftlichen Lage unserer Familie mit sich. Meine Mutter bekam nur eine kleine Unterstützung, ich war arbeits- los, kein Verdiener mehr im Haus. Meine Mutter war eine stille Frau, ich hörte sie selten klagen. Aber ich fühlte ihre Sorge und ihren Kummer mit. Wie ein armer Sünder schlich ich im Haus umher, stumm und bedrückt saß ich am Eßtisch, der Mutter gegenüber, wie ein Angeklagter vor dem Richter.

Es litt mich nicht mehr im Hause. Ziel- und planlos schweifte ich tagsüber in den Wäldern und Feldern umher, kam oft nicht zu den Mahlzeiten heim, verdiente mir da und dort ein paar Groschen, arbeitete fürs Essen. Unrast und Unbefriedigtsein trieben mich um; es mußte zu einer Veränderung kommen.

Ich trat vor meine Mutter hin.Ich will auf Wanderschaft gehen, Mutter.

Es wird sich hier was finden. Bleib da, mein Junge, sagte sie bittend.

Ich... ich muß weg, antwortete ich. Die Kehle war mir wie zugeschnürt. Meine Mutter fühlte die Not und Bedrängnis in mir. Sie faßte leise meine Hand. Gefühlsbewegungen waren mir sonst ziemlich fremd. Nur in wenigen Augenblicken meines Lebens war ich meiner inneren Regungen nicht Herr. Ich lehnte meinen Kopf an die Schulter meiner Mutter und spürte tief die ganze Güte und Zartheit ihres Wesens.

Du wirst weit weggehen, sagte sie leise.

Ja, Mutter, aber ich werde wiederkommen.

Sie richtete mir etwas Wäsche, ich packte meine Siebensachen. Sie half mir. In einer Ecke entdeckte ich ein kleines Stoffmännlein, mit dem ich als ganz kleines Kind schon gespielt hatte. Die Mutter hatte manche solcher kleinen Sächelchen aus unserer frühesten Kindheit aufgehoben und wie Reliquien verwahrt. Ich nahm das Stoffmännlein zu mir und sagte wie zur Entschuldigung:

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