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Vergangenes nicht Vergessenes : Erzählungen / Dora Wentscher
Entstehung
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Ich bestelle, sagt Tante Tina mit starren Augen und will durch die Tapetentür in die Küche; aber die Tür geht nicht auf.

Bestell nur durchs Schiebefenster! höhnt der Sturm- führer. Den feisten Oberkörper hin und her wiegend steht er neben der Theke. Tante Tina öffnet das Schiebefenster: An Wienern, was da ist und ı2 Tassen Kaffee.

Der Sturmführer lehnt sich vertraulich grinsend. über die Theke:

Wo ist denn Ihre werte Dame Tochter, Tante Tinachen?

Bei dem Wort Tochter hat sich Tina nicht gerührt. Sie sieht dem Sturmführer steif in die grausam zwinkernden Äuglein.

Meine Tochter wohnt nicht mehr hier.

Die Antwort dieses Kerls, der größer war als Tante Tina, war ein solcher Hieb in Tante Tinas Gesicht, daß sie fast hingeschlagen wäre.

Lüg nicht, Arbeitersau.

Sie schwankte, richtete sich wieder grad, wischte mit der Serviette ihr blutendes Gesicht ab.

Ich hole die Wiener. Mit einem plötzlichen, gewaltigen Stoß ihres ganzen Körpers hat Tante Tina die ‚Tapetentür

aufgedrückt.

Na schön. Kann auch auf sein, die Tür , lacht der Sturm- führer.

Aus der Küche führte ein Ausgang auf die Straße. Hätte Tina da hinaus gekonnt, dann wären Leni und sie gerettet gewesen. Ja, wären gewesen! Am Gasherd standen zwei Nazi. Das Küchenmädel holte bereits unter ihrer Aufsicht die Wiener aus dem Heißwasserbehälter. Es war ein kräftiges, sommersprossiges Ding. Ihre Hände zitterten. Kaum war Tante Tina erschienen, pflanzten sich die Kerle vor die Ausgangstür. Die Falle war zu.

In dem Augenblick ist eigentlich schon alles ausgewesen. Aber es kam noch schlimm genug. Die Tina ergriff mit einer Hand zwei Teller mit Würstchen, noch zwei oben drauf, und

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