woanders schlafen; aber sie weigerte sich, die Mutter allein zu lassen: Sie war die Tochter ihrer Mutter.
Am Abend des Mords waren nur sechs Gäste in der Stube. Tina spricht also von ihren Bergziegen mit den polierten Hörnern und den seidenen Haaren.
,, Solche Tiere zu schlachten, die man gut kennt", sagt sie, ,, das ist schrecklich. Ich wollte nie dabei sein. Diese SABanden bringen uns Arbeiter um, viel gleichgültiger als man Tiere schlachtet. Das nennen sie Deutschland erneuern." Wie sie das sagt, geht die Tür auf, durch die Leni kommen soll und drin steht der Nazi- Sturm. Geschniegelt, gebügelt, freche Gesichter, nagelneue Uniformen. Ein Pomadegeruch geht von ihnen aus; stehen in der aufgerissenen Tür, 12 Mann hoch, brüllen: ,, Tische frei!", stoßen zwei ältere Männer, die da zufällig sitzen, von den Stühlen. Mit einem Klapp schlagen 12 Revolver auf die Tischplatten.
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,, Bier her! Essen her!" brüllt der Chor; rot im Gesicht. Sie hatten schon vorher ,, eingefüllt". Der Sturmführer, ein hochgewachsener, breiter Mann mit zu kurzer Taille steht mit gespreizten Beinen, die Arme im Rücken. Er lehnt sich im Kreuz zurück, bestellt im Bierbaẞ: ,, Für jeden der Herren eine Tasse Kaffee, 3 Schnaps, drei große Bier, 2 Paar Würstchen."
Tante Tina hatte aufgehört die Nickelkräne zu putzen und guckte bloẞ. Sie schlägt langsam die Arme unter und guckt diese Gäste an, die Revolver in ihren Fäusten, den Herrn Sturmführer, der sich vor der Theke aufgepflanzt hat und wie zum Spaß seinen Revolver gegen sie hebt. Es war klar: Das ging auf Tod und Leben.
,, Erst Kasse", sagt Tante Tina langsam ,,, und wozu, meine Herren, sind die Revolver?"
,, Kasse?" lacht der Sturmführer ,,, versteht sich, werte Dame. Nachher rechnen wir ab." Immer noch liegen die Hände mit den Revolvern auf den Tischen. Zu beiden Seiten der Tür, durch die Leni kommen sollte, steht je ein SA. ,, Abgerechnet wird nachher", brüllt der Chor. ,, Erst essen."
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