Druckschrift 
Vergangenes nicht Vergessenes : Erzählungen / Dora Wentscher
Entstehung
Seite
159
Einzelbild herunterladen

schob das Mädel, das jetzt am ganzen Leibe zitterte, vor sich her durch die Tapetentür in den Gastraum. Hier ging es schon lärmend her. Nur die Arbeiter saßen still, halblaut redend um den runden Tisch an der Seitenwand neben Tante Tina. Sie versuchten einen Verteidigungsplan zu entwerfen. Es war klar genug, daß sie auf alles gefaßt sein mußten.

Tante Tina hat der braunen Bande Schnaps eingeschenkt und Bier und zum Trotz dem Arbeitertisch 6 große Bier. Eine halbe Stunde lang haben die Revolverhelden sich güt­lich getan an Getränken und Würstchen; auch die Türwache abgelöst und trinken lassen; gemeine Witze gerissen. ,, Ar­beiterschweine" ,,, Judensau" war das dritte Wort. Na, man kennt sie ja. Jetzt ehren sie ja angeblich den Arbeiter! Unsere Jungens haben sich zunächst mal taub gestellt. Tante Tina hat unbewegt hinter ihrer Theke gestanden wie ein Soldat auf Wache. Wie sie da unvermerkt Blicke schießt nach der Ausgangstür, da hat sie schon völlig ausgesehen, sagt Kurt, wie ein Bergadler mit dem durchdringenden Stößerblick. Neben ihr das sommersprossige Küchenmädel, das immer zitterte, hat sie fest an der Hand gehalten.

Ob ich ordentlich erzählen kann, was dann kam, weiß ich nicht. Ich hab es zwar damals dreimal von Kurt gehört, aber jedesmal so aufgeregt; mir kam vor, es war jedesmal ein bißchen anders. Ich weiß nicht, ob ich nicht manches durch­einanderbringen werde. Soviel ist sicher: Das sommerspros­sige Küchenmädel hat einer von den Nazi durch die Hinter­tür davonlaufen lassen. Wann und wie, das hab ich nicht behalten. Als es losging, und wie Kurt selber durchs Fenster sprang, war sie jedenfalls schon fort.

Es soll so gegen acht gewesen sein. Tante Tinas Gaststube lag doch in einer Nebenstraße. Sie war um diese Zeit und bei dem Regen ganz menschenleer. Aber ein paar Kinder müssen was gesehen haben. Wahrscheinlich haben sie die Leni gewarnt. Die Leni hat geglaubt, wenn sie mit den Kleinen an der Hand hineingeht, wird nichts passieren. Die Leni war eine mutige Frau; aber die Nazi hat sie zu wenig

159