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Vergangenes nicht Vergessenes : Erzählungen / Dora Wentscher
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der macht Blut. Daß du ein Kämpfer wirst." Oft fand sich noch' ne Semmel. Und dann lachte Tante Tina. Nett konnte sie lachen. Zahlen mußten sie nicht. Diese Jungen werden jetzt für den Krieg im Arbeitslager gedrillt; manche sind in Spanien gefallen, viele schwitzen Schweiß und Blut im KZ., viele haben sie schon totgequält und andere, noch viel mehr was wahr ist, muß man sagen sind in der SA. Einen Kellner zu halten warf das Geschäft nicht ab, so wie Tante Tina es betrieb. Ein Mädel war da als Hilfe bei der Bedienung und eine für die Küche und Reinemachen. Ihr Gehalt bekamen sie pünktlich, und sie behandelte sie wie Töchter.

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Aber die eigene Tochter ging ihr über alles. Das war die Leni. Dreißig Jahre war sie alt. Sie war Kassiererin in einem Warenhaus. Ihr Mann war gestorben. Seitdem lebte sie mit der Mutter in dem winzigen Zimmer hinter der Gast­stube. Die Töchter leidenschaftlicher Mütter sind oft sehr still und von einer sanften Festigkeit. So war die Leni. Fast lautlos ging sie aus und ein.

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So um 28 herum, wenn sie von der Arbeit kommen mußte, war es ein besonderes Vergnügen der Stammgäste, Tante Tinas Gesicht zu beobachten. Verstohlen blickte sie immer wieder nach der Eingangstür. Wie' n junges Mädel, das seinen Liebhaber erwartet. Aber jeder freute sich, die Leni zu sehen. Sie war schön wie die Mutter, nur zarter. Wenn ihr Hut in der Türspalte erschien Tante Tina ordent­lich finster vor Glück. Sollte nur ja niemand merken, wie sie närrisch toll an dem Mädel hing. Das war ja ihre ganze Familie, alles was ihr geblieben war von einem Mann und fünf Kindern. Da konnte sein was wollte, Tante Tina ver­schwand mit dem Mädel im Hinterzimmer. Die Leni schlang das sorgfältig vorbereitete Essen hinunter und ging fort zur Parteiarbeit.

Die Kinder von allen vier Ecken und aus zwei Neben­straßen liebten Tante Tina. Wenn sie für Vater eine Molle holen kamen und wußten, wer der mutige deutsche Mann

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