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Vergangenes nicht Vergessenes : Erzählungen / Dora Wentscher
Entstehung
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Von Tante Tina muß man reden. Man muß aufzeichnen, was man weiß. Leider wissen wir nicht viel. Aus ihrer Haft- zeit nur das eine, daß sie furchtbar litt und niemand ver- raten hat. Von früher können wir erzählen.

Tante Tina sprach nicht berlinisch. Schwer zu sagen, was sie eigentlich sprach. Sie hatte etwas Besonderes an sich; kannte die Welt von oben und unten. Eine Haltung hatte sie, alle Achtung! Hätte noch alle Tage eine Ia Herrschafts- köchin abgegeben. Aber zu uns gehörte sie. Das war selbst- verständlich, und das war ihr Stolz. 60 Jahre, nein 61 stand in der Zeitung. Als wir sie kannten, vor vier Jahren zuletzt sah sie aus wie keine vierzig. Groß wie ein Mann; abern Weib völlig. Alles da; und gesunde Haut. Die vollen Wan- gen etwas gelblich, die Zähne schneeweiß und stark wie bei einer gesunden Bäuerin. Ich hab sie nur mit weißem Haar gekannt. Das stand wie ein Rahmen um ihr großes Gesicht. Fast feierlich wie bei so einem Meisterkopf aus dem Mittel- alter im Museum.

Dabei war sie ein Racker. Kamen die Grünen mit irgend- welchen Plackereien Tante Tina sagte rein gar nichts; nur ihre hellen Augen mit den langen, schwarzen Wimpern drangen auf sie ein, daß die neueste Polizeiverordnung denen fast im Halse steckenblieb. Wenns nur irgend anging, schoben sie wieder ab. Den Jungen flößte Tante Tina eine Art Scheu ein. Krach oder Keilerei duldete sie nicht. Trunkenbolde kannten ihre harte Faust in ihrem Rücken. Mancher Brave hat sie mal gespürt, plötzlich an der freien Luft in der offenen Tür der Schankstube. Aber das wußte er: hinfliegen wird er nicht. Straßenjungen, die an der Haus- türe Unfug machen wollten, kriegten Tante Tinas Serviette um die Ohren. Diese selben Jungen saßen später als junge Arbeitslose in der Ecke rechts hinter der Theke, schluckten mit seligem Augenaufschlag Kaffee-Lorke, aber doch naß und heiß.

Drei Jahre hat man dich als Lehrling ausgebeutet, und dann auf die Straße. Trink, mein Sohn. Mein Kaffee-Pleur,

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