letzten Worte, Angeklagter Müller?" fragte der Richter anzüglich.
,, Nein, nicht alles", rief Müller mit plötzlicher Leidenschaft. ,, Erlauben Sie, noch etwas zu sagen. Ich werde kurz
sein."
, Jetzt geht's los', dachte Steeger und hielt den Kopf steif. Er war sich schon klar: es waren die Dinge, die mit seinen Anfängen, die mit Hans Warnke zusammenhingen, auf die er so qualvoll reagierte. Der Angeklagte hatte sich ganz dem Saal zugewendet. Er tat einen Schritt nach der Seite hin, wo Steeger saẞ. Sein graues Auge flammte seltsam auf. Er hob die gefesselten Hände. An den Innenseiten wurden Wunden sichtbar. Der Saal lauschte mit der entzückten Stille der Erwartung, die einem sensationellen Augenblick entgegensieht. Ob nun die Atmosphäre dieser Zuhörerschaft ihn berührt oder das leise Klirren seiner Fesseln ihn geweckt hatte, der Einäugige ließ das. erhobene Händepaar wieder fallen. Sein gestraffter Körper entspannte, seine geöffneten Lippen schlossen sich. Er sah ruhig geradeaus wie vorher; nur sein entstelltes Gesicht war von einem Lächeln verklärt, das von innen her zu strahlen schien.
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,, Nichts, nichts", sagte er leise mit einer, abwesenden Stimme. ,, Der grausame Feind ist leichter kennbar. Wir haben Grund zur Dankbarkeit."
Nur die vordersten Reihen hatten seine Worte hören können. Er zog tief den Atem ein und reckte seine abgemagerte Gestalt. Alle Augen waren auf ihn gerichtet. Man strengte sich an, zu verstehen.
,, Mein Leben hat einen Sinn gehabt", sagte er ebenso leise und heiter. ,, Und mein Tod wird sinnvoll sein." Aber plötzlich machte er etwas wie einen Luftsprung, erstaunlich anzusehn. Mit weitgeöffnetem Mund, laut, lachend, schrie er den versammelten Faschisten im Saal zu: ,, Ihr werdet die Herrschaft nicht behalten. Das wißt ihr selbst... Nach uns sechsen werden andere aufstehen, klügere, geschicktere, sechzehn vielleicht, dann Hunderte und Hunderttausende und zu
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