endete er plötzlich mit einer ganz vernünftigen Stimme und strich sich über den Kopf.
„Nanu, was wird denn das?“ sagte der 44-Mann belustigt. Er nickte dem Protokollführer und der Türwache vielsagend zu. Weiter war niemand anwesend. Er strich langsam mit einer beringten Hand sein weiches Doppelkinn und lehnte sich schweigend gegen die Wand; fuhr aber gleich wieder zurück, weil sie feucht und schimmlig war.
Der blonde einstige Hitlerjunge mit dem runden Kinder- kopf lächelte ihm noch immer mit demselben abwesenden Blick mitten ins Gesicht— er redete bereits wieder:„Das hier“, fing er leise an,„sind keine Erzieher. Das hier sind Verbrecher.“ Er hob die Stimme:„Verbrecher nicht nur an denen, die geschlagen werden, sondern noch mehr— das sage ich, weil ich es weiß—“, schrie er plötzlich laut,„Ver- brecher an ‚euch, die man zwingt, gesunde Menschen, ehr- liche, mutige, die euch ansehen mit ihren Augen“— er ver- wirrte sich,„Augen“, wiederholte er wie müde geworden—, „zu schlagen, ja und———“ Er verwirrte sich von netem und schwieg. Die Türwache, ein baumlanger, gutmütiger älterer Mann, wollte sich dem 44-Mann nähern und etwas sagen. Er wurde durch einen Wink zurückgeschickt. Der 4 amüsierte sich großartig. Sollte der nur weiterspinnen.
Hans Warnkes Mienen und Gestalt spannten sich wieder. Er atmete tief, sah mit erhobenem Kopf in ein unsichtbares Riesenauditorium. Er schrie. Seine kindlichen Augen voller Tränen:„Wir“— schrie er—„wir, die gesamte, gemarterte deutsche Jugend, mein Freund und ich—“
Weiter kam er nicht. Bei der Erziehungsmaßnahme, die auf diese Szene folgte, erlitt Hans Warnke eine schwere innere Verletzung. Er wurde einige Tage später ins Lazarett überführt. Er litt körperlich sehr, fieberte und war nicht immer bei Bewußtsein. Meist lag er schweigend. Manchmal hob er sich von seinem harten Lager mühsam ein wenig auf. Den blonden Schopf über der Knabenstirn, sah Nr. 46 mit weit aufgerissenen Augen über die zahllosen Pritschen des
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