Raumes, der ihm kein Ende zu haben schien und rief mit flehender Stimme: ,, Wir sind in der Zange, Edwin. Wo ist Edwin hingekommen? Edwin Steeger!"
In einer warmen Juninacht alarmierte die Nachtwache die Schwester vom Dienst, daß Nr. 46 besonders unruhig sei. Das stereotype Fragen nach Edwin ging in Schreie über. Nr. 46 starb am andern Morgen.
Herr Warnke, Kohlengeschäft, Berlin O, wurde telegraphisch von dem Ableben seines Sohnes verständigt. Todesursache: ein unglücklicher Sturz beim Reckturnen. Am Nachmittag war Vater Warnke da, ein Mann in schwarzem Gehrock, dem sein blanker Zylinder, achtlos zurückgeschoben, auf einem Stiernacken saß. Er sprach kaum drei Worte. Nach mehrstündigem Warten erhielt er die Erlaubnis, die Leiche zu sehen. Das Gesicht seines Sohnes erschien ihm so klein, als wäre es geschrumpft: es lächelte aber. Das beruhigte ihn ein wenig. Er wußte nicht, daß bei Eintritt der Todesstarre die Muskeln um den Mund sich automatisch nach oben ziehen und daß deshalb alle Toten zu lächeln scheinen.
*
Den Freund, von dem Nr. 46 im Konzentrationslager O. phantasiert hatte, gab es nicht mehr. Jener Edwin Steeger, der in Gefahr gewesen war, aufzubegehren, war für immer tot und begraben. Ein neuer Edwin Steeger war mit Erfolg erzogen worden.
Vom ersten Tage an verstand Steeger, sich im Konzentrationslager Achtung zu erzwingen. Er war unschuldig. Ein in den Tod getreuer Gefolgsmann. Seine Verehrung für den ,, Führer" kannte keine Grenzen. Seine Hochachtung für Vorgesetzte hatte etwas Begeistertes. Nach einiger Zeit wurde ihm erlaubt, an den Kommandanten Klemm einen Brief zu schreiben. Dieser Brief rührte Klemm ungemein. Der junge Steeger durfte noch einmal schreiben, und dann bekam er sogar ein paar Zeilen von seinem früheren Gönner. Strenge Zeilen. Aber welch eine Ermunterung war das! Bald zeich
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