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Vergangenes nicht Vergessenes : Erzählungen / Dora Wentscher
Entstehung
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nicht geschlagen: aber das Zusehen hier, wo die Opfer Na­tionalsozialisten waren, und wo überdies vielleicht morgen er daran kam, ging fast über seine Kräfte. Zweimal wurden ihm winzige Zettel zugesteckt. ,, Halt aus. Es kommt anders", stand auf dem einen. ,, Sie werden die Macht nicht behalten", verkündete der andere.

Eines Abends wurde Hans Warnke wieder gezwungen, stundenlang stehend scheußlichen Szenen beizuwohnen. Von den Strapazen und dem Hunger der letzten Wochen ge­schwächt, konnte er sich kaum mehr auf den Beinen halten. Sein ganzes Wesen war in Aufruhr. Seit einer Stunde kämpfte er mit einem immer von neuem, jedesmal stärker auftretenden Schwindelgefühl. Er wollte nicht umfallen. Nicht um alles in der Welt würde er umfallen. Als er an die Reihe kam, wurde ihm wieder einmal die Frage vorgelegt, ob er seine Meinung über die ,, Grausamkeiten" geändert habe. Zu seinem eigenen Staunen hörte Hans sich diesmal leise aber deutlich mit Nein" antworten. Als nach einer Stille die Frage drohend wiederholt wurde, geschah etwas noch Seltsameres, als es diese Antwort in diesem Raum gewesen war. Der Hitlerjunge Hans Warnke trat einen Schritt zu­rück und lächelte, wie nicht ganz bei sich, den Fragenden, einen untersetzten, etwas aufgeschwemmten 44- Mann an.

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Tatsächlich wußte Hans Warnke in diesem Augenblick nicht mehr, wo er stand. Ihm war plötzlich zumute, als wäre alles gut geworden. Neben ihm sang ein großer Chor von Menschenstimmen. ,, Sie werden die Macht nicht behalten", sangen sie. Er selber stand auf der Tribüne desselben Sport­palastes, aus dem sie früher die Kommunisten zu vertreiben versucht hatten. Neben ihm stand Edwin Steeger, und Hans sprach zum Volk. ,, Hier steht ein Mensch, der die Wahrheit sagt, und dieser Mensch bin ich." Der Lagergefangene Hans Warnke sprach wie singend, mit einer überlauten, seltsamen Stimme. Seine blauen Augen flackerten. Er hob feierlich den Arm. ,, Mein Freund sagt: es ist verboten, zu denken und zu fühlen. Aber ich denke, und ich fühle. Ach, wie das gut ist",

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