merkwürdig war an einem so jungen Gesicht. Fast sah es aus, als ob er sich über die Nazimannschaft lustig machte.
„Warum beim Festaufmarsch gefehlt?“ schrie der Sturm- führer.
„Ich habe verschlafen“, sagte der Bursche.
Der Sturmführer versetzte ihm einen Hieb mit der Riemen- peitsche. Der Arbeiter zuckte nicht. Er biß nur die Lippen zusammen.„Ich habe wirklich verschlafen“, sagte er freund- lich, als sei nicht ein roter Striemen über seiner linken Wange aufgelaufen.„Ich habe einen ekelhaft festen Schlaf, Herr Sturmführer.“ s
„Das Übel wirst du hier schon loswerden“, lachte der Schlaksige.
„Der Erste Mai ist für uns Arbeiter immer ein großer Feiertag, Herr Sturmführer“, fuhr der junge Mensch ruhig fort.
„Du meinst den marxistischen Ersten Mai, du Schwein?“ Von vier Seiten sausten Schläge auf den Burschen.
„Den Ersten Mai, den mein Großvater und mein Vater, Herr Sturmführer....“, sprach dieser erstaunliche Junge weiter. Er hatte sich nur geduckt und stand schon wieder, wenn auch blutend, gerade da neben der leeren Pritsche.
„Das Schwein will sich über uns lustig machen“, sagte der Schlaksige. Er hatte einen ungeschickten Griff gemacht und sich ein bißchen die Hand verstaucht. Red’ weiter, du Schwein“, sagte er. Er warf den andern einen Blick zu, daß er hören wolle, was der da vorbrächte. Indessen renkte er sein Gelenk zurecht.
„Warum sagen Sie Schwein zu mir, Herr Sturmführer?“ Das nicht faßbare Lächeln war aus dem jetzt blutenden Ge- sicht verschwunden.„Wie könnte ich mich lustig machen wollen?“ sagte eine Stimme, die keine Spur von Erregung verriet.„Meine Lage ist ja gar nicht lustig.“ Der Arbeiter lüftete sein Jackett ein wenig. Ein sauberes Hemd kam zum Vorschein.„Ich bin doch ganz sauber, warum ‚Schwein‘? Ich ehre den Ersten Mai wirklich aufrichtig von Kindheit an—‘ Wieder sah er Hans Warnke und Edwin Steeger ins
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