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Vergangenes nicht Vergessenes : Erzählungen / Dora Wentscher
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betreten hatten, weil es der erklärte Tag der Arbeitersoli- darität der Welt ist, war von Hitler zumdeutschen Natio- nalfeiertag erklärt worden. In geschlossenen Kolonnen zog man allerorten aus den Fabriken auf die befohlenen Sammel- plätze. Hitlers Anhänger jubelten, aber Zehntausende von Arbeitern marschierten mit in den Taschen geballten Fäusten, die Herzen voll Scham und Zorn.

Am zweiten Mai bereits trafen überall in den Konzen- trationslagern große Schübe neuer Häftlinge ein: verdächtige Drückeberger vomNationalfeiertag.

Auch in N. trafen zehn überfüllte Lastautos mit Gefan- genen ein. Sie wurden auf Einzelzellen verteilt. In ihren neuenZimmerchen sollten die Ankömmlinge von Vierer- kommandosabgeklopft undein bißchen an den Betrieb gewöhnt werden.

Edwin Steeger, Hans Warnke und ein dritter SA-Mann traten mit einem jungen Sturmführer, einem fünfundzwanzig- jährigen mageren Schlaks, den niemand leiden konnte, in das ersteZimmerchen einer neuen Baracke, ein niedriger Holzverschlag, in dem es einstweilen angenehm nach frischem Tannenschlag roch. Freilich war es darin so dunkel, daß sie fast über den Unratkübel gestolpert wären. Auf der Pritsche, auf der jede Andeutung von Bettzeug fehlte, saß ein kräf- tiger junger Arbeiter. Er stand auf, als die vier Nazis ein- traten. Mit einem schnellen Blick, der Entschlossenheit und keine Furcht verriet, sah er den vieren der Reihe nach ins Gesicht. Er war mittelgroß; das Haar stand, gegen das Licht gesehen, sonderbar dünn und trocken von seinem eckigen Kopf ab.

Namen! herrschte ihn der Sturmführer an.

Eine rauhe, jugendliche Stimme nannte einen von den Namen, die zu Tausenden in Norddeutschland vorkommen. Fritz hieß er. Er machte ein vollkommen ernsthaftes Gesicht, und doch war irgend etwas Undefinierbares in dem Strahlen- kranz von kleinen Fältchen um die Augen, der überhaupt

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