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Vergangenes nicht Vergessenes : Erzählungen / Dora Wentscher
Entstehung
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für die Bewegung gegeben. Schien der Bengel hier gleich einen Freund gefunden zu haben. Gefühlsduseleien konnte man im Lager nicht brauchen. Keinesfalls war es gut, die beiden Jungen zusammen zu verwenden. Seine kleine Tochter Gerda ließ alle Spielsachen liegen, wenn dieser Edwin ins Zimmer kam. Verflucht, wenn der hier schlappmachte, sollte ihn trotzdem der Deubel holen. Tag und Nacht gab es jetzt diese Verhöre. Schließlich war man im ersten Monat der Machtergreifung. Wirklich keine Zeit, sich um Einzelheiten zu kümmern.

Die beiden Jungen schliefen, wie Klemm es vorausgesehen hatte, vom Nachmittag an ohne Unterbrechung. Obgleich es mit dem üblichen Lärm und Geschimpfe vor sich ging, merkten sie von dem Zubettgehen ihrer Kameraden in der Baracke nicht das geringste. Mitten in der Nacht erwachte Hans Warnke . Der Mond schien ihm durchs offene Fenster gerade ins Gesicht. Groß wie eine Sonne im Nebel stand er neben einer hohen dünnen Pappel. Die Augen fielen Hans Warnke wieder zu. Was war das für ein gelber Mond? Was war das für eine Pappel? Wo war er bloß? Ihm war, als ob ein kalter, nasser Sandsack auf ihm läge. Das Herz war fort aus der Brust, und über der rechten Schläfe tuckte es unaufhörlich.

Jetzt hörte, er unten gleichmäßige Schritte. Hans Warnke riß gewaltsam die Augen auf. Auf der Pritsche neben ihm lag Edwin Steegers eingerollte Gestalt. Warnkes schlaf­trunkene Blicke tasteten im Halbdunkel des Schlafsaals herum. Die Fußtritte, das war die Wache am Bunker. Und die Pappel war doch dieser einzige Baum im Hof, wo die Gefangenen... Weiter kamen seine Gedanken nicht. Er drehte sich schwer auf den Bauch herum, drückte das Ge­sicht in das kleine harte Kissen. Nein, er wollte nicht denken. An gar nichts.

Aber im Kissen war der Traum hängengeblieben: Er war

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