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Vergangenes nicht Vergessenes : Erzählungen / Dora Wentscher
Entstehung
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Die beiden Hitlerjungen, nach fünf Stunden wütender, glühender Anstrengung plötzlich entspannt, standen jetzt nicht mehr hochrot, sondern käseweiß und schwitzend gegen die Wand gelehnt wie zwei Puppensoldaten. Die Stahlruten hingen schlaff in ihren Händen. Gläsern, stier starrten sie zu Boden, auf ihr Werk.

Der wachsgelbe Kopf des Bewußtlosen war von dem Stoẞ des Stiefels einmal hin- und hergerollt. Das linke Auge hatte sich eine Sekunde geöffnet, die blauverschwollenen Lippen zeigten einen Spalt. Ein dünnes Rinnsal Blut sickerte aus dem andern hochgeschwollenen Auge und aus dem Mund in die Pfütze. Klemm bemerkte das Glotzen der Grünlinge. ,, Na, ihr", er klopfte erst dem Dunklen, dann dem Blonden leutselig auf die Schulter. ,, Habt euch tapfer gehalten, Bengels. Natio­nalsozialisten sind keine Schmachtengel, was?"

Steeger und Warnke schlugen die Hacken zusammen. Sie freuten sich. Dieses Lob hatten sie sich nicht leicht verdient. Aber der Gestank in dem kahlen Raum, diese undefinierbare Mischung von menschlichem Unrat, Leder, Blut und Schnaps war fürchterlich.

,, Seid heute dienstfrei", wandte sich der Vorgesetzte an die anwesenden SA- Leute. Mit einem Ausdruck der Er­schöpfung goß er das letzte gefüllte Glas Bier herunter, das neben einer Batterie geleerter Bier- und Schnapsgläser auf einem Ecktisch stand.

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, Ihr auch", sagte Klemm freundlich zu den Jungen. ,, Aber ohne Ausgang; und getrunken wird nichts mehr, verstanden?" Er wußte, daß diese Siebzehnjährigen auch so bis morgen, wie von Steinen erschlagen, schlafen würden.

,, Nicht schlecht für den Anfang", meinte er, als die Jun­gens automatenhaft grüßend abgetreten waren. In Wirklich­keit hatte die Haltung der beiden, wie sie da zuletzt an der Wand gestanden und geglotzt hatten, Klemm sehr miẞfallen. Müßte sich, dachte er, in den nächsten Tagen wer um die Bengels kümmern. Dieser Edwin Steeger verkehrte in Berlin bei ihm zu Hause. Der Vater hatte schon seit 1927 großzügig

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