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Vergangenes nicht Vergessenes : Erzählungen / Dora Wentscher
Entstehung
Seite
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DIE SCHULE DER GRAUSAMKEIT

Das einzige Ergebnis des Verhörs hinter gepolsterten Ledertüren war die Veränderung, die mit dem Verhörten vorgegangen war. Diese war freilich bemerkenswert.

Ein muskulöser, dunkeläugiger Arbeiter von etwa fünf­undzwanzig Jahren war vor fünf Stunden aufrecht ein­getreten. Edwin Steeger und Hans Warnke , beide siebzehn­jährig, beide zum erstenmal der ,, Ehre" teilhaftig, bei einem ,, Verhör" mitzuwirken, hatten unbewußt ein unsympathisches Opfer erwartet.

Jetzt lag der nackte Körper des Starrsinnigen, der kein Wort gesprochen hatte, bis zur Unkenntlichkeit verschwollen, schwarzblau gefleckt, blutüberströmt und ohnmächtig in einer Lache von Blut und Schmutz vor ihnen auf den Steinfliesen.

Schwer verärgert sah Kommandant Klemm, ein nicht mehr junger, hünenhafter Mensch, den Kommissar an, und dann auf das leer gebliebene Protokoll. Die Schmarre, die seinen Mund ein wenig schief zog, saß wie ein weißgelber Wurm auf seinem geröteten Gesicht. Sein ausholender Blick traf die beiden Jungen. ,, Schluß also", sagte er heiser. ,, Hat' n bißchen viel gekriegt." Er wandte sich ab, zog ein großes seidenes Taschentuch aus der Brusttasche und wischte sich den perlenden Schweiß von der breiten Stirn, um den Mund herum und vom Nacken. Nachdem er sich noch geräuschvoll die Nase geputzt und das Tuch wieder weggesteckt hatte, versetzte er dem Opfer mit dem Stiefel einen letzten Tritt gegen die linke Schulter, die durch einen Zufall unverletzt geblieben war. Die runde, kräftige Wölbung des Oberarms ragte wie marmorn aus dem beschmutzten, zerfetzten Fleisch.

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